Winnetou – eine Liebesgeschichte

Karl MayAls die Guten noch belohnt und die Bösen bestraft wurden

Filmstars habe ich nie angehimmelt, auch nicht Pierre Brice. Wie man eine virtuelle Persönlichkeit zum Idol erheben kann, verstehe ich bis heute nicht. Angeschwärmt habe ich ab und zu mal einen Musiker, aber das passierte erstens viel später, und zweitens waren das echte Menschen. Leichter gefallen wäre mir die Schwärmerei sicher mit Figuren aus Büchern, aber selbst da kann ich mich an nichts Derartiges erinnern. Nicht mal Winnetou, der nun wirklich ein Anrecht auf diese Rolle gehabt hätte, war mein Idol.

Aber es gab eine Phase, als ich schätzungsweise so zwischen neun und zwölf war, da verbrachte ich jede freie Minute mit den Büchern von Karl May und verschlang einen Roman nach dem anderen. (Nein, ich habe sie nicht alle gelesen, aber doch ziemlich viele.) Worin lag die Faszination dieser erfundenen „Reiseerzählungen“ und worin liegt sie – bis zu einem gewissen Grad – noch heute? Wenn ich mich damals auch sehr mit den omnipotenten Helden identifizierte und mir meinen Platz im Waffengetümmel reservierte, waren es doch wohl nicht nur die Personen, die mich so anzogen, sondern eher die gesamte Szenerie. Die Freiheit, die Weite der Landschaft, das Abenteuer hinter jeder Ecke, ferne exotische Länder … Es war die Flucht aus einer Realität, die mir nicht viel Gutes zu bieten hatte, darin ging es mir ganz ähnlich wie Karl May.

Außerdem – und das fällt mir vor allem jetzt auf, wenn ich die Bücher nach langer Zeit noch mal hervorhole – werden in diesen Romanen Werte vermittelt, die mir damals unmittelbar einleuchteten: Aufrichtigkeit, Tapferkeit, Freundschaft, Einstehen für den anderen, Selbstlosigkeit … Heute gibt es das nicht mehr, außer vielleicht bei Harry Potter, der ist auch tapfer und bereit, sich für seine Freunde zu opfern, obwohl er nicht ganz so unüberwindbar ist wie Old Shatterhand. Eigentlich erstaunlich, dass das alte Rezept immer noch funktioniert.

Echte Freunde gibt’s nur in der Fantasie

Aber im wirklichen Leben gewinnen normalerweise nicht die Guten, sondern die, die in Jugendbüchern bestraft werden: Lügner, Feiglinge, Mobber, Verleumder, Steuerhinterzieher, Ausbeuter und andere Kriminelle. Die wenigen, die da nicht mitmachen wollen, werden als „Gutmenschen“ verunglimpft und lächerlich gemacht. Das Gute hat sich also schon in einen Makel verwandelt. Wer will da noch gut sein? Niemand.

Deshalb ist es auch nach so vielen Jahren erholsam, noch einmal in Karl Mays Traumwelt einzutauchen, in der es zwar reichlich brutal zugeht, wo aber wenigstens die Fronten eindeutig geklärt sind.

Die Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand ist berühmt als Männerfreundschaft. Allerdings kommt das Wort „Freundschaft“ bei Karl May kaum vor, höchstens einmal „Freunde“. Stattdessen ist fast immer von „Liebe“ die Rede, von „lieben“ und „liebhaben“.

Ich habe ihn geliebt wie keinen zweiten Menschen,

heißt es schon in der Einleitung zu Winnetou I. (W1, Einleitung, S. 4) Und es endet mit Winnetous Bekenntnis kurz vor seinem Tod in Winnetou III:

„Winnetou hat keinen Menschen geliebt als ihn [Old Shatterhand] allein …“ (W3, 6. Kap.: Helldorf-Settlement, S. 363)

Da scheint doch die Frage nahezuliegen:

Waren Winnetou und Old Shatterhand schwul?

In der jüngeren Generation ist Michael Herbigs Persiflage Der Schuh des Manitu wahrscheinlich bekannter als die Winnetou-Filme mit Pierre Brice aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Schuh des Manitu tritt neben Abahachi, der die Stelle Winnetous einnimmt, ein schwuler Zwillingsbruder mit Namen Winnetouch auf. Warum nur ein Zwillingsbruder, warum nicht Winnetou selbst, fragt man sich da unwillkürlich. Vielleicht, weil die Sache doch nicht so eindeutig ist?

Jedenfalls war Michael Herbig nicht der Erste, der Karl May und seinen Helden latente Homosexualität unterstellt hat. In Sitara und der Weg dorthin von 1963 findet der Schriftsteller Arno Schmidt auf Schritt und Tritt, in jeder Höhle und jedem Baum homosexuelle Symbole. Ich habe diese Abhandlung während meiner Studienzeit zufällig in die Hände bekommen und pflichtschuldigst gelesen. An Details erinnere ich mich nicht mehr, aber ich weiß noch, dass ich mit dem Thema überhaupt nichts anfangen konnte und mich die Argumentation in keiner Weise überzeugte. In Landschaften kann man schließlich alles hineininterpretieren, und irgendwo müssen die Abenteuer ja schließlich stattfinden. Ich wage mal die ketzerische These, dass Karl Mays detaillierte Landschaftsbeschreibungen vor allem der Illusion von Authentizität dienen sollen. Wer so genau weiß, auf welcher Seite die Berghänge bewaldet sind, ob das Gras trocken oder feucht ist und in welche Richtung das Wasser im See strömt, der muss doch wirklich da gewesen sein!

Während Christian Tramitz, der Darsteller des Ranger aus dem Schuh des Manitu, über Karl Mays Helden immer noch meint: „Wenn die zwei net schwul san, dann woaß i a nimmer“ (Interview auf artechock.de), gilt Arno Schmidts These von der latenten Homosexualität Karl Mays „in der Karl-May-Forschung inzwischen als widerlegt“. (Diese Behauptung findet man im Internet allerorten, die Quelle dafür allerdings nicht.)

Wem soll man nun recht geben? Um darauf eine Antwort zu finden, schauen wir uns doch einfach den Text einmal genau an! Doch hierzu bedarf es zunächst eines kleinen Exkurses.

Was nicht in der Bamberger Ausgabe steht …

… ist unter anderem dieses:

Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen … (Weihnacht!, 2. Kap.: Der Prayer-man, S. 277)

Die Bamberger Ausgabe, das sind die Gesammelten Werke, die wir alle in unserer Jugendzeit gelesen haben, damals gab es nämlich keine anderen. Jetzt aber hat man die Qual der Wahl, wobei für mich persönlich die Qual gegen null geht. Neben den Gesammelten Werken ist eine historisch-kritische Ausgabe im Entstehen, die auch in lesefreundlicher Form, das heißt, ohne den wissenschaftlichen Apparat, erhältlich ist. Darüber hinaus gibt es die unbearbeiteten Originaltexte als kostenlosen Download auf den Internetseiten der Karl-May-Gesellschaft. Weiterhin sind Reprints der Erstausgaben in Frakturschrift im Angebot sowie verschiedene nur leicht bearbeitete Ausgaben.

Selbst bei Winnetou I, der vergleichsweise wenig bearbeitet wurde, sträuben sich mir die Haare, wenn ich Original und Fälschung vergleiche. Nur ein kurzes Beispiel soll die Gründe verdeutlichen:

Original:

[Old Shatterhand und Winnetou sprechen über Klekih-petras letzten Wunsch an Old Shatterhand kurz vor seinem Tod.]

„Ich versprach ihm, diesen Wunsch zu erfüllen.“
„Es war sein letzter, den er im Leben hatte. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu sein, hast mich behütet, bewacht und geschont, während ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich meines Messers wäre für jeden Andern tödlich gewesen, doch dein starker Körper hat ihn überwunden. Ich stehe in tiefer, tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund!“ (W1, 5. Kap.: „Schöner Tag“, S. 339)

Fälschung:

„Ich versprach, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.“
„Es war seine letzte Bitte im Leben. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu sein, hast mich behütet, bewacht und geschont, während ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich meines Messers wäre für jeden anderen tödlich gewesen, doch dein starker Körper hat ihn überwunden. Ich stehe in tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund!“ (Winnetou I, Karl-May-Verlag Bamberg = Gesammelte Werke, Bd. 7, 15. Kapitel: Das Ende eines Feiglings, S. 360f.)

Die Veränderungen (von mir rot markiert) würde uns der Karl-May-Verlag ganz sicher als stilistische Verbesserungen verkaufen wollen. Während man bei den ersten drei Stellen noch darüber diskutieren könnte, ist die letzte „Verbesserung“ in meinen Augen eindeutig eine Sinnentstellung. Denn wer behauptet: „Ich stehe in tiefer Schuld bei dir“, kann das auch als höfliche Floskel äußern, um einer Konvention Genüge zu tun. Wer die Tiefe der Schuld aber betont, indem er das Adjektiv verdoppelt, der meint es wirklich so.

Ende des Exkurses

Zurück zu den „küßlichen Lippen“: Geküsst und umarmt wird bei Karl May überraschend viel, auch daran kann ich mich von früher gar nicht erinnern …

Umarmungen, Küsse und Liebesbekenntnisse

Emotionale Szenen, körperliche und verbale Liebesbekenntnisse findet man in den Büchern allerorten. Dabei fällt auf, dass die früher entstandenen Texte im Ton neutraler gehalten sind und sich mehr auf das reine Abenteuer konzentrieren. Später entstandene Bücher (dazu zählt Winnetou I) und spätere Umarbeitungen stellen das gefühlvolle und persönliche Verhältnis stärker in den Vordergrund. Hier ein Beispiel:

Er öffnete die Arme, und wir lagen uns am Herzen.
„Schar-lih, shi shteke, shi nta-ye – Karl, mein Freund, mein Bruder!“ fuhr er, beinahe weinend vor Freude, fort. „Shi intá ni intá, shi itchi ni itchi – mein Auge ist dein Auge, und mein Herz ist dein Herz!“
Auch ich war so ergriffen von diesem so ganz und gar unerwarteten Wiedersehen, daß mir das Wasser in die Augen trat. Es konnte mir nichts Glücklicheres geschehen, als ihn hier zu treffen. Er blickte mich immer von Neuem mit liebevollen Augen an; er drückte mich immer von Neuem an seine Brust, bis er sich endlich erinnerte, daß wir nicht allein waren. (W3, 5. Kap.: Die Railtroublers, S. 332)

Daraus lässt sich nun allerdings gerade nicht auf Homosexualität schließen. Denn anders als heute war das ungehemmte Ausleben von Zuneigung zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts im 19. Jahrhundert an der Tagesordnung. Zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau dagegen waren höchstens Verlobten oder Ehegatten gestattet, und auch das nur in sehr zurückhaltender Form. Noch heute kann man in manchen asiatischen Ländern überall in der Öffentlichkeit Händchen haltenden Männer- oder Frauenpaaren begegnen. Daraus Homosexualität abzuleiten, wäre verfehlt. Es handelt sich um eine reine Freundschaftsbezeigung, wie sie bei heterosexuellen Paaren nicht ohne Weiteres akzeptiert würde.

Auch in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts findet man entsprechende Szenen, etwa in Hölderlins Hyperion:

Alabanda flog auf mich zu, umschlang mich, und seine Küsse gingen mir in die Seele. Waffenbruder! rief er, lieber Waffenbruder! o nun hab ich hundert Arme! (Hölderlin, Hyperion, Erstes Buch, S. 316)

Um wie viel vorsichtiger geht Hyperion dagegen mit seiner angebeteten Diotima um:

Das Geländer, worauf sie sich stützte, war etwas niedrig. So durft ich es ein wenig halten, das Reizende, indes es so sich vorwärts beugte. Ach! heiße zitternde Wonne durchlief mein Wesen und Taumel und Toben war in allen Sinnen, und die Hände brannten mir, wie Kohlen, da ich sie berührte. (Hölderlin, Hyperion, Erstes Buch, S. 342)

Waren sie also nicht schwul – oder vielleicht doch?

Auch wenn all die Küsse und Umarmungen in Anbetracht des historischen Kontextes rein gar nichts besagen, so lässt sich die Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand dennoch ganz zwanglos als Liebesgeschichte lesen, die mit der Liebe auf den ersten Blick beginnt und nach einer Phase unverbrüchlicher Treue erst endet, als der Tod die beiden Blutsbrüder scheidet. Dazu braucht man nur den Spuren zu folgen, die nicht ganz so offen zutage liegen. Viele der folgenden Zitate sprechen so sehr für sich selbst, dass sie kaum der Kommentierung bedürfen.

Auf die schwärmerischen Beschreibungen Winnetous durch den Erzähler hat schon Arno Schmidt hingewiesen. Stets wiederkehrender Bestandteil dieser Beschreibungen sind das herrliche blauschwarze Haar und die dunklen samtenen Augen. Diese Augen verfolgen Old Shatterhand bis in die Fieberfantasien nach dem fast tödlichen Zweikampf:

Nachher kämpfte ich mit Indianern, Büffeln und Bären, machte Todesritte durch die ausgedorrten Steppen, schwamm monatelang über uferlose Meere – – – es war im Wundfieber, in welchem ich lange, lange mit dem Tode rang. Zuweilen hörte ich Sam Hawkens‘ Stimme wie aus weiter, weiter Ferne; zuweilen sah ich zwei dunkle, sammetne Augen vor mir, die Augen Winnetous … (W1, 4. Kap.: Zweimal um das Leben gekämpft, S. 247)

Wie es sich für eine Amour fou gehört, ist Old Shatterhand vom ersten Augenblick an regelrecht besessen von Winnetou:

Winnetou hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, einen Eindruck, wie ich ihn noch bei keinem andern Menschen empfunden hatte. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 117)

Ich hatte während der letzten Tage so viel an Winnetou gedacht, daß er mir innerlich immer näher getreten war; er war mir wert geworden, ohne daß es seiner Gegenwart oder gar seiner Freundschaft bedurft hatte, gewiß ein eigenartiger seelischer Vorgang, wenn auch nicht grad ein psychologisches Rätsel. Und sonderbar! Ich habe später von Winnetou erfahren, daß er damals ebenso oft an mich gedacht hat, wie ich an ihn! (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 186)

Und Winnetou ergeht es ebenso, wie seine Schwester Nscho-tschi im Gespräch mit Old Shatterhand verrät:

„Eure Krieger hatten den gefangenen Kiowas alles abgenommen, was sie bei sich hatten?“
„Ja.“
„Auch meinen drei Kameraden?“
„Ja.“
„Warum da mir nicht auch? Man hat den Inhalt meiner Taschen nicht angerührt.“
„Weil Winnetou, mein Bruder, es so befohlen hatte.“
„Und weißt du, weshalb er diesen Befehl gab?“
„Weil er dich liebte.“
„Trotzdem er mich für seinen Feind hielt?“
„Ja. Du sagtest vorhin, daß du ihn gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt habest; dasselbe ist auch bei ihm mit dir der Fall gewesen. Es hat ihm sehr leid getan, dich für einen Feind halten zu müssen, und nicht nur für einen Feind – – –“
(W1, 5. Kap.: „Schöner Tag“, S. 317f.)

Wie schon aus Karl Mays Einleitung zu Winnetou I und Winnetous letzten Worten in Winnetou III deutlich wird, stellen beide den jeweils anderen hoch über alle anderen Menschen. Zur Ausschließlichkeit dieser Liebe gesellt sich die Möglichkeit der Eifersucht:

Winnetou war mit Old Firehand fast noch freundlicher als mit mir, so daß ich hätte eifersüchtig werden mögen, wenn ich die Anlagen und den dazu nötigen Unverstand besessen hätte. (W2, 6. Kap.: In der Festung, S. 377)

Dann ist da die Haarsträhne, die Old Shatterhand Winnetou abschneidet, als er ihn heimlich befreit:

Dabei fiel mir das herrliche Haar Winnetous in die Augen, welches auf dem Kopfe einen helmartigen Schopf bildete und dann noch schwer und lang auf den Rücken niederfiel. Mit der linken Hand eine dünne Strähne desselben fassend, schnitt ich sie mit der Rechten ab und ließ mich dann wieder zu Boden sinken. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 207f.)

Vordergründig soll sie zum Beweis seiner Tat dienen:

Warum ich das tat? Um nötigenfalls einen Beweis in den Händen zu haben, daß ich es war, der ihn losgeschnitten hatte. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 208)

Aber:

Die Haarlocke Winnetous habe ich auf allen meinen Wanderungen durch den Westen bei mir getragen und besitze sie heute noch. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 213)

Haarlocken waren ein beliebtes Liebesunterpfand, das vorzugsweise in einem Medaillon aufbewahrt wurde. Es war üblicherweise die Frau, die ihrem Liebsten eine Locke von ihrem Haar schenkte. Haarlocken als reines Freundschaftszeichen sind mir außer bei Winnetou in der Literatur noch nicht begegnet.

Die späteren Freunde stehen sich zunächst als Feinde gegenüber. Es kommt zum Zweikampf, in dem Old Shatterhand fast getötet wird. Über die Symbolik dieses Zweikampfes möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen, sondern nur bemerken, dass er für Karl Mays Konzeption der Begegnung zwischen Old Shatterhand und Winnetou offenbar essentiell war. Es gibt mindestens zwei alternative Versionen des Kennenlernens der beiden Blutsbrüder aus früheren Erzählungen, die sich in den äußeren Umständen stark von der endgültigen Version unterscheiden. Aber Zweikampf und Messerstich in den Hals gehören immer dazu.

Old Shatterhands Situation im Lager der Apachen ist so schlimm wie nur möglich. Dennoch lässt er sich bei seinen Handlungen nicht von reiner Vernunft leiten. In Anbetracht des Umstands, dass ihm und seinen Freunden der Tod am Marterpfahl droht, lässt er seinem verletzten Stolz im Gespräch mit Nscho-tschi beachtlichen Spielraum:

„ […] Eure Krieger werden mich nicht töten!“
„Gewiß! Es ist im Rate der Alten beschlossen.“
„So werden sie anders beschließen, wenn sie hören, daß ich unschuldig bin.“
„Das glauben sie nicht!“
„Sie werden es glauben, denn ich kann es ihnen beweisen.“
„Beweise es, beweise es! Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn ich hörte, daß du kein Lügner und kein Verräter bist! Sage mir, womit du es beweisen kannst, damit ich es Winnetou, meinem Bruder, mitteile!“
„Er mag zu mir kommen, um es zu erfahren.“
„Das tut er nicht.“
„So erfährt er es nicht. Ich bin nicht gewöhnt, mir Freundschaft zu erbetteln oder durch Boten mit jemand zu verkehren, der selber zu mir kommen kann.“
(W1, 4. Kap.: Zweimal um das Leben gekämpft, S. 263f.)

Verräterisch sind immer extreme Situationen, selbst bei einem schweigsamen Indianer, der unter normalen Umständen keine Gefühle zeigt. Im 2. Band der Satan-und-Ischariot-Trilogie sind Winnetou, Old Shatterhand bzw. hier einmal Kara Ben Nemsi und Lord Emery Bothwell (wieder einmal!) damit beschäftigt, sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Sie graben sich einen Tunnel unter dem Felsbrocken hindurch, der den Eingang zu ihrem Höhlenverlies verschließt. Dabei wird Kara Ben Nemsi verschüttet, seine Gefährten halten ihn für tot. Umso größer dann die Freude, als sich herausstellt, dass er das Unglück gegen alle Wahrscheinlichkeit doch überlebt hat:

„Scharlieh!“ rief, nein, brüllte er förmlich.
„Winnetou!“
[…]
„Scharlieh, mein Bruder!“ die drei Worte nur sagte der Apatsche; aber der Ton, in welchem er sie aussprach, galt mir mehr als die allerlängste Rede. (S2, 6. Kap.: Vergebliche Jagd, S. 523)

Aber wer ist nun eigentlich das Objekt dieser Liebe, die so haarscharf an der Homoerotik vorbeischrammt?

Wer ist Winnetou?

WinnetouKarl May stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hatte keine geradlinige Karriere. Durch frühe Verfehlungen und Gefängnisaufenthalte war ihm ein normales bürgerliches Leben unmöglich gemacht worden. Erst durch seinen Erfolg als Schriftsteller gelang es ihm, diesen Mangel zu kompensieren. Wie gut es ihm gelang und dass es ihm dabei nicht nur um materielle Sicherheit ging, zeigt der Umstand, dass er einige Jahre lang ein wenig über das Ziel hinausschoss und behauptete, er sei selbst Old Shatterhand und habe alle beschriebenen Abenteuer wirklich erlebt.

Karl Mays Identifikation mit seinem Überhelden Old Shatterhand wirkt deshalb so übertrieben und unglaubwürdig, weil darin nur Teilaspekte seiner Persönlichkeit abgedeckt sind. Die dunklen Seiten sind abgespalten und finden sich in anderen Figuren wieder. Kaum verdeckt etwa in Carpio, dem kränklichen und verwirrten Schulkameraden aus Weihnacht!, weniger offensichtlich in zwielichtigen Gestalten wie etwa Old Death.

Bei der Figur Old Shatterhand leuchtet die Identität des Autors mit seinem Romanhelden unmittelbar ein: Jeder erkennt darin leicht eigene Wunscherfüllungs- und Allmachtsfantasien wieder. Aber auch Winnetou, der scheinbare Gegenspieler, dessen Freundschaft doch so hart erkämpft werden muss, ist ein Teil von Karl Mays eigener Psyche. In der Terminologie der Psychoanalyse stellt Old Shatterhand das unreflektierte Es dar, das durch kein Realitätsprinzip gehemmte Unbewusste, eine allmächtige, allen überlegene Person. Winnetou dagegen verkörpert das Über-Ich, das verinnerlichte gesellschaftliche Normen und Werte repräsentiert.

Karl May hat in späteren Jahren alles getan, um die Aufdeckung seiner kriminellen Vergangenheit zu verhindern, er war kein gesellschaftlicher Rebell, kein Täter aus Überzeugung, sondern ein kleiner Gelegenheitsdieb und -hochstapler. Er brauchte eine Instanz, die ihn von seinen Verfehlungen freisprach, und diese Instanz ist Winnetou. Um den Freispruch dieser Instanz zu erhalten, ist jedoch harte Überzeugungsarbeit vonnöten. Sehr deutlich wird das in Winnetous Gespräch mit Sam Hawkens an Old Shatterhands Krankenlager:

„Ja, er würde ebenso lügen wie du. Die Bleichgesichter sind alle Lügner und Betrüger. Ich habe nur einen einzigen Weißen gekannt, in dessen Herz die Wahrheit wohnte; dieser war Klekih-petra, den ihr uns ermordet habt. In diesem Old Shatterhand hätte ich mich beinahe getäuscht. Ich sah seine Kühnheit und seine Körperkraft und bewunderte ihn. In seinem Auge schien die Aufrichtigkeit ihren Sitz zu haben, und ich glaubte, ihn lieben zu können. Aber er war genau ein solcher Länderdieb wie die Andern; er verhinderte euch nicht, uns in die Falle zu locken, und hat mir zweimal seine Faust an den Kopf geschlagen. Warum hat der große Geist einen solchen Mann geschaffen und ihm ein so falsches Herz gegeben?“

Ich hatte ihn, als er mich berührte, ansehen wollen; aber der Wille fand bei den matten Bewegungsnerven keinen Gehorsam. Mein Körper schien aus Aether zu bestehen, ja, gar nicht aus durch die Sinne wahrnehmbaren Stoffen zusammengesetzt zu sein und also auch gar nichts Wahrnehmbares vernehmen zu können. Aber jetzt, als ich dieses Urteil Winnetous hörte, gehorchten mir die Augenlider. (W1, 4. Kap.: Zweimal um das Leben gekämpft, S. 250)

Der Kampf um gesellschaftliche Anerkennung war für Karl May buchstäblich ein Kampf auf Leben und Tod. Winnetous Wertschätzung und Freundschaft ist für Old Shatterhand, Karl Mays Alter Ego, deshalb von so großer Bedeutung, weil sie zugleich seine gesellschaftliche Rehabilitation und die Versöhnung mit sich selbst repräsentiert. Wenn Winnetou, Karl Mays eigenes Über-Ich, ihn seiner Freundschaft für würdig erachtet, darf er wieder in Frieden mit sich selbst leben.

Zitiert wird nach dem Online-Textarchiv der Karl-May-Gesellschaft. Abkürzungen: W1 = Winnetou I, W2 = Winnetou II, W3 = Winnetou III, S2 = Satan und Ischariot II. Zusätze in eckigen Klammern sind von mir. Die Hölderlin-Zitate stammen aus Bd. 1 der dreibändigen Paperback-Ausgabe des Insel-Verlags: Hölderlin. Werke und Briefe. Hrsg. v. Friedrich Beißner u. Jochen Schmidt. Frankfurt am Main 1969.
Bilder:
Karl May mit seinen Schöpfungen Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, von ihm selbst dargestellt

Titelbild von Sascha Schneider zum Band Winnetou III

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
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