Vom Texten im Dunkeln


Schmetterling im DunkelnDa habe ich nun endlich das Licht ausgeknipst, habe eingesehen, dass ich heute, übermüdet, wie ich bin, ganz sicher nichts mehr zustande bringe, und dann, während ich schon halb schlafe, fällt mir der Anfang des heiß umworbenen Textes ein, manchmal auch der Schluss oder ein wichtiger Satz in der Mitte. Leider bin ich schon komplett auf Energiesparlampen umgestiegen, denen tut häufiges Ein- und Ausschalten nicht so gut. Außerdem will ich ja auch wirklich schlafen, aber die Textfetzen trotzdem irgendwie festhalten, denn morgen sind sie vielleicht unwiederbringlich verloren. So habe ich mir angewöhnt, im Dunkeln auf großen Papierbögen zu schreiben, die um mein Bett herum verstreut liegen. Danach kann ich beruhigt einschlafen. Ich hoffe einfach, dass ich das Gekritzel am nächsten Tag noch lesen kann.

Warum so viel Aufwand wegen ein paar Worten, die ich mir am nächsten Tag in ausgeruhtem Zustand doch viel besser zurechtlegen könnte? Verwende ich diese Einfälle überhaupt genau so, wie sie mir in den Sinn kamen? Ja, so gut wie immer. Auch bei nüchterner Prüfung erweisen sich ungerufene Einfälle fast immer als die beste Lösung eines gegebenen Textproblems. Der ideale Text würde sich folglich nur aus spontanen Einfällen zusammensetzen.

Dass einem ein ganzer Text mehr oder weniger vollständig aus dem Unterbewusstsein auf dem Silbertablett serviert wird, kommt allerdings selten vor. (Mozart soll seine Sinfonien so geschrieben haben.) Meist sind es nur einzelne Sätze oder Passagen, die in druckreifer Form aus dem Nichts heranschweben. Doch die bilden ein stabiles Gerüst, dessen Lücken sich dann „“per Hand““ leicht ausfüllen lassen.

Wer beruflich textet, weiß, dass Einfälle selten dann kommen, wenn man sie braucht. Sie haben eine Vorliebe für allerlei Schabernack. Sie suchen den Texter meistens dann heim, wenn er gar nicht weiß, wohin mit ihnen. Unter der Dusche, in der Warteschlange an der Kasse beim Einkaufen, beim Joggen im Wald und immer dann, wenn er keinen Stift bei sich hat. Der Platz am Schreibtisch wirkt auf Einfälle weniger einladend. Da sitzt man dann und überlegt oder lenkt sich ab mit Surfen im Internet oder der überfälligen Steuererklärung.

Schließlich muss der Text dann doch geschrieben werden, auch ohne Einfall. Auf mich wirken solche uninspirierten Texte immer etwas verdächtig. Ich traue ihnen nie ganz. Der Leser wird – hoffentlich – dem fertigen Text nicht anmerken, wie er entstanden ist. Aber für mich selbst ist es das höchstmögliche Gütesiegel eines Textes, wenn ich mich dafür überhaupt nicht angestrengt habe, sondern wenn er mir im Schlaf geschenkt wurde.

Bildquelle: RondellMelling / pixabay.com

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
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