Suchen und finden in Indien

Eingang zur Lomas-Rishi-Höhle in den Barabar-Hügeln in BiharAuf der Suche nach Indien von E. M. Forster

E. M. Forsters Roman A Passage to India lernte ich im Vorfeld einer eigenen Indienreise kennen. Indien hatte mich schon immer fasziniert. In meiner Studienzeit umgab das Land noch eine geheimnisvolle Aura. Man vermutete dort einen leichteren Zugang zu höheren Erkenntnissen und Spiritualität auch im Alltag, denn warum sonst sollte man dorthin fahren? Indien war allerdings auch das Ziel ganzer Scharen von Hippies, die am Strand von Goa oder in den nördlichen Gebieten im Himalaya vor allem einen leichteren Zugang zu Drogen vermuteten.

Mit einer Indienreise gleich nach dem Abitur oder während des Studiums, die ich vage in Betracht gezogen hatte, klappte es nicht. Aber später, als ich schon gar nicht mehr so viele Flausen im Kopf hatte, kam ich zu meiner eigenen Überraschung doch noch dorthin, als DAAD-Lektorin an eine technische Hochschule in Madras. In den Monaten der Vorbereitung las ich alles, was die Uni-Bibliothek an Literatur über Indien hergab. Aber es wirft ein Licht auf meine innere Verfassung, dass ich mich weniger mit wirtschaftlichen Kennzahlen und den Lebensbedingungen der Bevölkerung auseinandersetzte als vielmehr mit Reiseberichten und Romanen.

A Passage to India besaß die Bibliothek nur im englischen Original. Ich fand es schwierig bis unverständlich und schloss daraus, dass meine Englischkenntnisse dringend einer Auffrischung bedurften. Kurz vor der Abreise schenkte mir dann eine Bekannte die deutsche Übersetzung. Mit Schrecken und Erleichterung stellte ich fest, dass der deutsche Text auch nicht viel verständlicher war. Es lag also nicht allein an mangelnden Sprachkenntnissen.

Über Forsters Art des Erzählens würde wohl jeder Leiter von Schreibkursen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Seine Romane sind durchsetzt mit moralischen und philosophischen Bemerkungen, die zum Teil seiner Zeit verhaftet und darum nicht mehr nachvollziehbar sind und zum Teil so dunkel und abstrakt formuliert, dass man ihren Sinn nur erahnen kann. Das allerdings gibt seinen Geschichten eine Tiefe, die sie auch wiederum interessant macht und die Zeit überdauern lässt.

In Forsters Indienroman ist schon die vordergründige Story rätselhaft. Adela Quested, eine junge Engländerin, besucht zusammen mit ihrer künftigen Schwiegermutter, Mrs Moore, ihren Verlobten in Tschandrapur, einem Ort in der Ganges-Ebene. Sie möchte das „wahre Indien“ kennenlernen, was zur Zeit des Kolonialismus (der Roman erschien 1924) nicht so leicht war. Durch Vermittlung eines sehr unkonventionellen Lehrers am örtlichen College macht sie die Bekanntschaft des indischen Arztes Dr. Aziz und des Brahmanen Professor Godbole. Dr. Aziz organisiert für die Gruppe mit großem Aufwand einen Ausflug zu den nahe gelegenen Marabar-Grotten. In einer dieser Grotten kommt es zu einem Vorfall, der bis zum Schluss nicht restlos aufgeklärt wird. Miss Quested rennt in Panik aus der Grotte, zieht sich dabei gefährliche Verletzungen zu und beschuldigt später Dr. Aziz der versuchten Vergewaltigung. Dr. Aziz wird verhaftet und muss sich vor Gericht verantworten. Dadurch brechen die unter der Oberfläche schwelenden Konflikte zwischen Indern und Engländern aus und es kommt zu Protesten und Aufruhr.

Doch das ist nur das grobe Skelett der Handlung. Forster wollte mit seinem Roman mehr ausdrücken als nur Kolonialismuskritik und Psychologie. Schon formal ist das Buch sehr kunstvoll aufgebaut. Seine drei Teile tragen die Titel Moschee, Grotten und Tempel und signalisieren damit einen religiös-spirituellen Anspruch.

Dr. Aziz, der Moslem, ist Protagonist des ersten Teils, der seinen Anfang mit einer Begegnung in einer Moschee nimmt. Im dritten Teil, der in einem der kleinen damals noch souveränen indischen Staaten spielt, lernen wir Indien bei einem hinduistischen Fest kennen. Hier begegnen wir erneut dem Hindu Professor Godbole. Das Zentrum des Romans bilden die Marabar-Grotten, die keiner bestimmten Religion zugeordnet sind, aber gewisse Parallelen zum Buddhismus aufweisen. Diese Grotten sind nicht besonders sehenswert, denn sie besitzen nur ein einziges auffälliges Merkmal: eine Art Echo, das durch jedes Geräusch in ihnen ausgelöst wird. Dieses Echo wiederholt jedoch nicht die gesprochenen Worte, sondern es ist immer gleich: ein dumpfes Dröhnen, das etwa „boum“ lautet.

Das Erleben dieses Echos führt bei Mrs Moore zu einer Veränderung ihrer Persönlichkeit. Zu Beginn des Romans haben wir sie als ausnehmend freundliche alte Dame kennengelernt, nun aber zieht sie sich von ihren Mitmenschen zurück, wird mürrisch und teilnahmslos und stirbt bald darauf. Auch auf Adela Quested hat der Aufenthalt in der Grotte eine verstörende Wirkung.

Die Marabar-Grotten haben ihr reales Vorbild in den Barabar-Höhlen im indischen Bundesstaat Bihar, von denen zumindest einige über einen ähnlichen Echo-Effekt verfügen sollen. Dieses quasi-religiöse Phänomen wirkt in Forsters Ausgestaltung in hohem Maße fatalistisch, fast nihilistisch. Wir haben keinen Einfluss auf das, was geschieht, lautet die Botschaft dieser Erfahrung, weder im Guten noch im Bösen. Egal, was wir tun, was wir denken, was wir sagen, die Antwort ist immer gleich: ein bedeutungsloses, verstörendes „boum“.

Forsters Romanhelden handeln dennoch moralisch, sie bemühen sich um Wahrhaftigkeit und darum, das Richtige zu tun. Aber während in einigen seiner frühen Werke am Ende – zumindest als Utopie – ein geglücktes Leben steht, fehlt solch ein Ausblick in diesem späteren Werk. Ganz besonders gilt das für das Verhältnis zwischen Indern und Engländern. Zwischen Herrschern und Beherrschten kann es keine Gemeinschaft geben, das wird am Schluss deutlich ausgesprochen. Das Erlebnis Indien hat wie ein Katalysator gewirkt. Man ist dadurch wirklich reicher an Erkenntnis geworden, aber diese Erkenntnis ist nichts Glückverheißendes.

Bildquelle: Anonym [Public domain], via Wikimedia Commons, {{PD-1923}}

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.