Autor und Lektor – wie passt das zusammen?


Autorin

 

Häufig hört man von gewissen Vorbehalten gegenüber Lektoren, die auch selbst Texte verfassen. Kann jemand, der selbst schreibt, überhaupt fremde Texte lektorieren?

Dass ich diese Frage für mich persönlich mit Ja beantworte, wird niemanden überraschen. In diesem Artikel möchte ich jedoch näher auf die Gründe für meine Überzeugung eingehen.

Autor und Lektor, Schreiben und Lesen – warum soll sich das eigentlich gegenseitig ausschließen? Nun, auf diese Frage lassen sich gleich mehrere Antworten finden:

  • Schreiben ist eine kreative Tätigkeit, Lektorieren dagegen eine begutachtende, kritische. Autoren sind chaotische Spontis, Lektoren dagegen humorlose Pedanten. Und das soll in einer Person Platz haben?
  • Autoren sind sehr selbstbewusst. Das müssen sie sein, denn woher sollten sie sonst den Mut nehmen, mit ihren Werken vor die Öffentlichkeit zu treten? Bei einer Lektoratstätigkeit könnte dieses Selbstbewusstsein zu übermäßiger Kritik am fremden Text führen.
  • Autoren von Belletristik sind Spinner, das weiß doch jeder. Die ticken nicht ganz richtig, sonst könnten sie sich nicht ganze Fantasiewelten ausdenken. Die leben in ihrer eigenen Welt und sind deshalb denkbar ungeeignet, sich auf die fremde Welt eines anderen Autors einzulassen.
  • Selbstbewusstsein und eigene Welt im Kopf – alles andere als Nüchternheit, Neutralität und kritische Distanz. Diese Eigenschaften braucht ein Lektor aber.
  • Ein Autor wird einen fremden Text immer mit seinen eigenen Texten vergleichen und kann deshalb nicht objektiv sein. Er wird den fremden Text im Vergleich mit seinen eigenen als besser oder schlechter bewerten, nicht einfach nur als anders empfinden. Schlimmstenfalls wird er versuchen, den fremden Text seinem eigenen Geschmack anzugleichen.
  • Autoren fehlt das nötige Handwerkszeug zum Lektorieren. Viele von ihnen stehen mit Orthografie und Interpunktion auf Kriegsfuß. Es gibt schließlich Wichtigeres. Weshalb die kostbare Lebenszeit mit dem Pauken von Rechtschreibregeln vergeuden?

Das alles sind gewichtige Einwände gegen eine Lektoratstätigkeit von Autoren. Sie lassen sich auch nicht gänzlich widerlegen. Aber sie müssen nicht in jedem Fall zutreffen. Ich habe ganz bewusst ein etwas klischeehaftes Bild vom typischen Schriftsteller gezeichnet. Aber natürlich gibt es ganz unterschiedliche Typen von Autoren.

Zunächst einmal besteht ein großer Unterschied zwischen den Verfassern von Belletristik und Sachbuchautoren. Wer (populär)wissenschaftliche Literatur, kritische Online-Artikel oder auch nur Ratgebertexte verfasst oder wer als Journalist über das Tagesgeschehen berichtet, darf natürlich nicht in eine Fantasiewelt abtauchen, sondern muss sich einen gesunden Blick auf die Realität bewahren. Aber betrachten wir die einzelnen Punkte noch einmal der Reihe nach.

LektorKreativität versus Kritik

Diese beiden vertragen sich zunächst mal nicht so gut miteinander, das stimmt. Aber ohne einander, jeder für sich allein, könnten sie auch nicht bestehen. Ein guter Autor ist selbst sein schärfster Kritiker. Denn das kreative Chaos produziert normalerweise keine fertigen Werke. Der kreative Ausstoß muss geordnet, gezähmt, in Bahnen gelenkt, geschliffen und poliert werden. Kritisch begutachtet also, überarbeitet, umgeformt und einer persönlichen Zielvorstellung angepasst. Das ist das erste Lektorat, das jeder Text durchmacht. Dieses Lektorat führt der Autor selbst durch. Er weiß also, wie man so etwas macht.

Lektoriert man einen fremden Text, kommt zur Zielvorstellung des Autors der Blick des Lesers hinzu. Ein Text, der sich verkaufen soll, muss an die Marktbedingungen angepasst werden, da hilft nun mal nichts. Das bedeutet nicht, dass nur Mainstream-Ware Chancen hat. Aber der Leser muss bei der Stange gehalten werden, egal wie. Schon Voltaire wusste:

Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.

Und ob ein Buch langweilig ist oder nicht, entscheidet der Leser, nicht der Autor.

Ein Lektor ist sozusagen der erste Probeleser eines Buches. Neben den sprachlichen Formalien beurteilt er auch, ob das Buch interessant genug für eine breitere Leserschaft sein könnte. Natürlich ist er weder Hellseher noch der liebe Gott. Aber er verfügt über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz, er hat schon viel gelesen, er kann vergleichen und registriert auch seine eigenen Eindrücke beim Lesen mit der gebotenen Neutralität.

Ein Autor, der gleichzeitig fremde Texte lektorieren möchte, sollte ebenfalls diesen Hintergrund an Belesenheit und Erfahrung mitbringen. Kann er zudem genügend Distanz zu seinen eigenen Texten und Wertvorstellungen bewahren, spricht erst einmal nichts dagegen, sich auch als Lektor zu betätigen.

Oberlehrer-Attitüde

Natürlich wirkt ein Lektor immer oberlehrerhaft. Das ist ja gar nicht zu vermeiden. Seine Aufgabe ist es schließlich, Fehler zu finden und zu korrigieren, Kritik zu üben und Verbesserungsvorschläge zu machen. Auch dafür braucht man Selbstbewusstsein. Gefährlich wird es erst, wenn der Lektor sich für unfehlbar hält, weil er ja selbst auch Texte verfasst und deshalb genau weiß, wie die aussehen müssen … Gegen diesen Fallstrick hilft ein gesundes Maß an Selbstkritik.

Fantasiewelt im Kopf

Da ist schon eher was dran. Wer völlig von seiner selbst erfundenen Scheinwelt absorbiert wird, hat kaum noch die nötige Offenheit, um sich auf die Ideen eines anderen Autors einzulassen. Aber erstens trifft das wohl überwiegend nur auf Fantasy-Autoren zu, und zweitens ist diese eigene Welt im Kopf eines Autors ja ein temporäres Phänomen. Ist das eigene Werk einmal fertiggestellt, kommt auch die Realität wieder zu ihrem Recht.

Zu wenig Nüchternheit

Kommt drauf an. Auf den Autor nämlich. Wie der vorherige Punkt trifft auch dieser am ehestens noch auf Belletristik-Autoren zu. Aber auch diesen sollte man nicht von vornherein jeglichen nüchternen Verstand absprechen. Schreiben erfordert nicht nur Eingebung und Fantasie, sondern auch ein gehöriges Maß an ordnenden, strukturierenden, kritischen Fähigkeiten. Also genau das, was einen guten Lektor ausmacht.

Der eigene Stil als Maßstab

Das ist tatsächlich ein Stolperstein, aber er liegt nicht nur Autoren im Weg. Wer sich viel mit Literatur und anderen Texten befasst, wird seinen bevorzugten Stil entwickeln. Ob er nun selbst schreibt oder beim Lesen bestimmte Richtungen vorzieht und andere nicht ausstehen kann. Ganz davon abstrahieren kann man nicht. Ein guter Lektor wird darauf achten, die Eigenart des lektorierten Textes zu bewahren und ihn nicht dem eigenen Geschmack anzupassen. Für Autoren mit einem ausgeprägten eigenen Stil kann das unter Umständen schwierig sein. Ein Lektor, der mit einem vorgelegten Manuskript aus persönlichen Gründen gar nicht zurechtkommt, sollte genügend Mut und Ehrlichkeit aufbringen und die Bearbeitung ablehnen.

Mangelndes Fachwissen

Ungenügende Kenntnisse auf dem Gebiet der Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung findet man nicht nur bei Autoren, sondern auch bei anderen Menschen, die Lektoratsdienste anbieten. Der Kunde wird hier leider nur aus Erfahrung klug. Wirklich beurteilen kann er die Qualität einer Korrektur ja auch nur, wenn er selbst fit genug auf den genannten Gebieten ist. Ein einschlägiges Studium und berufliche Erfahrung im sprachlichen Bereich sind zwar Kriterien, die man bei der Wahl eines Lektors mit berücksichtigen kann, eine Qualitätsgarantie sind sie aber auch nicht.

Wer die Wahl hat, …

Die Wahl eines Lektors ist eine schwierige Sache. Kunde und Lektor sollten einen guten persönlichen Draht zueinander haben. Das ist wichtig, um unterschiedliche Meinungen sachlich diskutieren zu können. Der Lektor muss sein Handwerkszeug beherrschen, das heißt, die Voraussetzungen auf sprachlichem Gebiet mitbringen. Ob er darüber hinaus „vom Fach“ sein, bei akademischen Arbeiten also das entsprechende Fach selbst studiert haben sollte, ist umstritten.  Manche Kunden fühlen sich bei einem Fachkollegen besser aufgehoben, andere sind der Meinung, dass ein fachfremder Lektor die Verständlichkeit und Argumentationsstruktur eines Textes besser beurteilen kann. Wem man sein Manuskript anvertraut, bleibt eine persönliche Entscheidung. Ob der Lektor selbst auch Texte verfasst, sagt an sich über seine Qualitäten noch nicht viel aus. Wichtiger sind seine fachliche Qualifikation und seine persönlichen Voraussetzungen.

Bildquelle: Bernd Kasper / pixelio.de, Unsplash / pixabay.com
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Gerta Ital, eine Mystikerin des 20. Jahrhunderts

StufenEs gibt Bücher, die begleiten einen ein ganzes Leben lang. Für mich zählt Gerta Itals Der Meister, die Mönche und ich dazu. Ich bin immer erstaunt, wenn ich von anderen höre, dass sie mit diesem Buch nichts anfangen können, oder wenn ich Rezensionen im Internet lese, die von Verständnisschwierigkeiten berichten. Es liest sich doch so leicht!

Gerta Ital wurde am 7. Juli 1904 geboren, war zunächst Schauspielerin und Sängerin, musste diesen Beruf jedoch schon früh wegen einer Erkrankung aufgeben. Sie praktizierte intensiv Yoga und Meditation und wurde mit mehreren spirituellen Erfahrungen beschenkt, von denen sie in ihrem zweiten Buch Auf dem Wege zu Satori berichtet. Durch den Jesuitenpater Enomiya-Lassalle (Autor des Buches Zen, Weg zur Erleuchtung) und Eugen Herrigel (Zen in der Kunst des Bogenschießens) kam sie mit dem japanischen Zen-Buddhismus in Berührung. 1963 unternahm sie die erste von zwei Reisen nach Japan und verbrachte dort fünf Monate in einem Zen-Kloster. Das war damals noch ein echtes Abenteuer, zumal für eine nicht mehr junge Frau aus dem Westen.

Der Meister, die Mönche und ich beschäftigt sich hauptsächlich mit Gerta Itals Erlebnissen während ihres Aufenthalts im Kloster, aber auch mit den Schwierigkeiten, die ihr auf ihrer Reise begegneten, bis es ihr überhaupt gelang, dort aufgenommen zu werden. Natürlich berichtet sie von ihren Erfahrungen während der Meditation, aber das fast nur am Rande. Das Buch ist in erster Linie ein Reisebericht, sowohl im ganz profanen geografischen als auch im übertragenen Sinne einer Reise zu sich selbst.

Man muss nicht religiös oder besonders an Zen interessiert sein, um Gewinn aus diesem Buch zu ziehen. Was mich vor allem beeindruckt, ist die Konsequenz, mit der hier jemand ein Ziel verfolgt, allen Hindernissen zum Trotz seinen Weg geht und sich weder von Krankheit, Geldmangel, organisatorischen Problemen oder der Skepsis seiner Mitmenschen davon abbringen lässt. Gerta Ital fuhr fast ins Blaue hinein nach Japan, sie hatte nur ein, zwei Adressen von sehr flüchtigen Bekannten und keinerlei konkrete Zusagen für einen längeren Aufenthalt. Alles wurde erst vor Ort geregelt und sie durchlief mehrere Stationen, bis sie den Tempel ihres Meisters in Kobe fand.

Auch dort war nicht alles eitel Sonnenschein. Als ungeliebter Fremdkörper wurde sie das Opfer von Intrigen und hatte auch ihrerseits Verständnisprobleme mit der japanischen Mentalität. All das berichtet sie anschaulich und ausführlich, sodass das Buch niemals trocken und zu theoretisch wird. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung war der Begriff Zen noch nicht Bestandteil der Alltagssprache, Gerta Ital schrieb daher für ein unvorbelastetes Publikum.

Vielleicht rührt die Befremdung, mit der viele auf dieses Buch reagieren, von der Kompromisslosigkeit her, mit der die Autorin ihren Weg verfolgte. Mit einem Wochenendseminar à la „Mit Zen dem Alltagsstress entfliehen“ oder einem Volkshochschulkurs über „Yoga für Berufstätige“ hat diese Suche nach Erleuchtung nichts zu tun. Es geht hier nicht um Sichwohlfühlen, sondern um Erkenntnis. In diesem Sinne kann Erleuchtung niemals ein Massenphänomen werden, sondern ist immer nur Einzelnen vorbehalten. Gerta Ital starb am 21. Juli 1988.

Bildquelle: Andrea Damm / pixelio.de
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Ein Foto-Spaziergang im Regen

Diese Galerie enthält 18 Fotos.

Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, kommt es manchmal zu längeren Aufenthalten, auch in landschaftlich reizvollen Gegenden. Auf einer Fahrt nach Bingen hatte ich extra eine zweistündige Pause eingeplant, um am Rheinufer ein paar Fotos zu machen. Leider regnete … Weiterlesen

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Warum sich gute und korrekte Texte im Internet lohnen

Über uns

 

Fehlerfreies Schreiben in grammatisch einwandfreien Sätzen gehörte früher einmal zu den verbreiteten Kulturtechniken. Man fiel auf, wenn man es nicht konnte. Spätestens seit der Rechtschreibreform (und der Reform der Reform) ist das nicht mehr so. Kaum jemand, der nicht gerade beruflich mit Schreiben zu tun hat, beherrscht noch korrekte Rechtschreibung und Grammatik.

Gleichzeitig treten aber immer mehr Menschen mit schriftlichen Äußerungen vor die Öffentlichkeit – vor allem im Internet. Shopbetreiber, Dienstleister, Hobbyautoren – sie alle stellen ihre Angebote vor und hoffen auf Zuspruch. Viele von ihnen machen sich keine Gedanken darüber, wie diese schriftlichen Botschaften auf die Leser wirken. Manche wissen gar nicht, dass sie nicht korrekt schreiben können, anderen ist es egal. Sie meinen, die schriftliche Verpackung ihres Angebots sei nicht so wichtig, denn schließlich komme es auf den Inhalt an.

Inhalt und Verpackung – beides muss stimmen

Ja, der „Inhalt“, die Qualität der Ware oder Dienstleistung, ist das Wesentliche an einem Geschäft, sie entscheidet letztendlich über die Zufriedenheit des Kunden. Trotzdem darf man die Verpackung, das heißt, den Text, mit dem die Ware angepriesen wird, nicht vernachlässigen. Denn die entscheidet darüber, ob ein Interessent überhaupt zum Kunden wird.

Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage eines potenziellen Kunden, lieber Shopbetreiber, lieber Autor! Der Interessent kennt Sie noch nicht, er weiß nicht, wie vertrauenswürdig Sie sind, wie zuverlässig Sie Ihren Job erledigen, welch hervorragende Qualität Sie liefern. Er muss sich aus den wenigen Vorabinformationen, die ihm zur Verfügung stehen, ein Bild von Ihnen machen.

Zu den wichtigsten Eindrücken, auf die er zurückgreifen kann, gehört Ihr Internetauftritt mit den dazugehörigen Texten. Denn diese Texte transportieren nicht nur pure Information, sie geben auch ein Stück Ihrer Persönlichkeit preis, sogar wenn Sie sie nicht selbst geschrieben haben. Aus einem ungeschickt formulierten Text voller Fehler wird der Interessent schließen, dass Sie in Ihrer Arbeit genauso schlampig sind. Dann wird er wohl kaum zu Ihrem Kunden werden. Können Sie virtuelle Schaufensterbummler dagegen mit sorgfältig erstellten fehlerfreien Texten überzeugen, die Ihr Angebot auf den Punkt bringen, die mögliche Fragen beantworten, ohne zu weitschweifig und ausufernd zu werden, haben Sie schon halb gewonnen. Einen neuen Kunden nämlich, der eine gute Meinung von Ihnen hat, der darauf vertraut, dass Sie ihn gut bedienen und eine Ware abliefern werden, die genauso funktionell und fehlerfrei ist wie der Text auf Ihrer Website.

Bildquelle: Thorben Wengert / pixelio.de
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Gedanken zum ‚Herrn der Ringe‘


Der Eine Ring

 

Ein Roman, der von einer ganzen Nation zum Buch des Jahrhunderts gewählt wird und auch in mehreren anderen Umfragen den ersten Platz einnimmt, muss über Qualitäten verfügen, die über Fantasy und Abenteuer hinausgehen. Stellt man sich jedoch die Frage, was eigentlich das Außergewöhnliche am Herrn der Ringe ist, so fällt die Antwort nicht leicht.

Eine allegorische Deutung seines Romans lehnte Tolkien bekanntermaßen ab:

Was die tiefere Bedeutung oder „Botschaft“ des Buches angeht, so hat es nach Absicht des Autors keine. Es ist weder allegorisch, noch hat es irgendeinen aktuellen Bezug.

Liest man jedoch Tolkiens Vorwort zur Ausgabe von 1966, aus dem diese Zeilen stammen, vollständig, so wird klar, dass er den Begriff „allegorisch“ vor allem politisch verstanden wissen wollte. Es lag ihm daran, seinen Roman vom Geschehen des Zweiten Weltkriegs abzugrenzen.

In Gegensatz zur Allegorie stellt Tolkien die „Anwendbarkeit“:

Geschichte, ob wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit im Denken und Erleben des Lesers ist mir viel lieber. Ich glaube, dass „Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“ oft verwechselt wird; doch liegt die eine im freien Ermessen des Lesers, während die andere von der Absicht des Autors beherrscht wird.

Bezüge zu unserem eigenen Leben herstellen und Lehren aus dem Buch ziehen dürfen wir also.

Versuchen wir einmal, ganz unbefangen an die Geschichte heranzugehen. Die Figur, die am ehesten zur Identifikation einlädt, ist Frodo. Und wer ist Frodo? Ein Angehöriger des „kleinen“ Volkes, der Halblinge oder Hobbits. Ein Volk, das es gern bequem, warm und gemütlich hat, das gern gut isst und alle Aufregung scheut. Kurz gesagt, ein Volk von Spießbürgern ohne jede Auffälligkeit. So unauffällig, dass man es glatt übersehen könnte. Noch kürzer gesagt, Hobbits sind wir alle.

Frodo, dieser Mensch im Miniaturformat, dieser Mensch wie du und ich, hat nun eine Aufgabe übernommen, die seine Kräfte übersteigt. Er muss den Einen Ring vernichten, um die Welt zu retten.

Auf seinem Weg zur Erfüllung dieser Aufgabe erhält er alle Hilfe, die er sich nur wünschen kann: eine erstklassige Ausrüstung, mächtige Gefährten, einen Führer, der ihm den Weg weist, einen Kumpel, der ihn sogar den Berg hinaufträgt, als er es selbst nicht mehr schafft. Nur den allerletzten Schritt zur Vernichtung des Rings muss er selbst tun, und gerade hier scheitert er. Dass der Ring trotzdem zerstört wird, ist Zufall, Vorsehung oder Gnade, wie man will.

Wie lässt sich nun diese Geschichte auf das eigene Leben anwenden?

Es wird oft versucht, den Roman im christlichen Sinne zu deuten. Aber ganz abgesehen davon, dass auch das allegorisch wäre, stimmen die Parallelen nicht so ganz. Frodo ist keine Jesus-Figur. Zwar nimmt er eine große Last auf sich, um andere zu retten, aber er scheitert ja an der Erfüllung seiner Aufgabe. Frodo ist ein Mensch wie wir alle, ohne herausragende Fähigkeiten. Er füllt nur den Platz aus, den die Vorsehung oder das Weltgeschehen oder was auch immer ihm zugedacht hat. Er tut das, so gut er kann, und doch ist es nicht genug.

Mit einem Frodo-Jesus könnte sich niemand identifizieren. Aber Frodo, so, wie er ist, das bin auch ich, das bist auch du. Und etwas von Frodos Aufgabe finden wohl auch diejenigen in sich, die den Herrn der Ringe so über alles lieben.

Das bedeutet, dass wir alle einen Ring vernichten müssen. Einen Ring, der uns zum Bösen verführt und dadurch versklavt. Das Böse bei Tolkien, das ist das Streben nach absoluter Macht über andere, Herrschsucht, Ichsucht, Unterdrückung, Ausbeutung, Unfreiheit, Tod. Auch wer den Ring, also das Böse, nur zum Besten seines Volkes benutzen will wie Boromir, verfällt ihm. Jeder, der ihn besitzt und benutzt, verfällt ihm. Und da wir, wenn wir der Geschichte folgen, alle so einen Ring besitzen, sind wir alle stets der Versuchung ausgesetzt, ihn zu benutzen und ihm zu verfallen.

Der Kampf um und mit dem Ring wird heute nicht mehr mit Schwertern und in offener Schlacht ausgetragen. Es geht viel subtiler zu, Tag für Tag. Politiker, die Gesetze erlassen, um sich selbst und Konzernchefs zu bereichern, einen großen Teil der Menschen, über die sie bestimmen, aber dazu zwingen, für einen Lohn zu arbeiten, von dem sie nicht leben können. Firmenbosse, die das Letzte aus ihren Untergebenen herauspressen und sie entsorgen, wenn sie ausgedient haben. Aber auch Nachbarn, die Nacht für Nacht laute Partys feiern und ihren Mitmenschen das Leben zur Hölle machen. Jugendliche, die andere ausgrenzen und im Internet verfolgen. Kollegen, die ihren Arbeitsplatz sichern, indem sie andere verleumden und mobben.

Das sind nur einige der krassesten Beispiele. Auch in Kleinigkeiten im täglichen Leben zeigt sich der Einfluss des Einen Rings. Niemand ist frei davon. Jeder, der über sein Leben nachdenkt, wird Situationen entdecken, in denen er falsch gehandelt hat, sei es ganz bewusst oder nur aus Gedankenlosigkeit. Wiedergutmachen lässt sich das selten. Alles, was wir tun können, ist, uns über die Motive unserer Handlungen Klarheit zu verschaffen und zu versuchen, es heute und in Zukunft besser zu machen. Vernichten lässt sich der Ring durch menschliche Kraft nicht. Dazu bedarf es der Gnade.

Bildquelle: Martin Str / pixabay.com
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Handy, Smartphone, Tablet, Netbook, Ultrabook – irgendeins hat jeder

Das Handy ist immer dabeiBeruflich bedingt bin ich viel mit der Bahn unterwegs. Wenn man da den Gang entlanggeht, glaubt man sich fast in die CeBIT versetzt. Denn nahezu jeder beugt sich über ein kleineres oder größeres „mobiles Endgerät“ und wirkt very busy. Die meisten halten ein Smartphone in der Hand, einige ein Tablet, wobei die kleineren häufiger vorkommen als die großen. Viele haben auch ihr Notebook auf den Knien, einige wenige die Miniausgabe des Notebooks, ein Netbook. Man fühlt sich ein wenig wie in einer Gesellschaft von Zombies: Die Menschen sind nicht mehr ansprechbar, sind abgetaucht in den virtuellen Raum, im wörtlichen Sinne weg vom Fenster.

Leser meiner Artikel auf Pagewizz wissen, dass ich selbst mittlerweile auch zur Gemeinde gehöre. Seit ich vor einigen Monaten mein erstes Tablet ausgepackt habe, hatte ich es jeden Tag dabei. Ich nutze es intensiv, sowohl zu Hause als auch unterwegs, und besonders gern im Zug. Durch die Möglichkeiten, die der mobile Internetzugang mir bietet, hat sich der Anschaffungspreis schon fast wieder bezahlt gemacht. Sicher, das meiste, was ich mit dem Tablet mache, geht besser und bequemer am Notebook. Aber das trage ich eben nicht immer mit mir herum, und auch zu Hause ist es nicht immer eingeschaltet. Wenn mir dann – wie es ja meine Spezialität ist, meist kurz vorm Einschlafen oder gleich nach dem Aufwachen – einfällt, was ich eigentlich noch schnell im Internet erledigen müsste, ist die Hemmschwelle, mal schnell das Tablet aus dem Stand-by zu wecken, deutlich geringer als die, aufzustehen und das Notebook anzuwerfen. Das Tablet kommt dem inneren Schweinehund da sehr entgegen und hält dennoch die Auswirkungen der Bequemlichkeit in Grenzen.

Blick aus dem ZugfensterGanz bewusst habe ich mir einen Alleskönner angeschafft, mit dem ich im Internet surfen, E-Mails abrufen und versenden, E-Books lesen und auch mal eine Partie Solitär spielen kann. Auf langen Bahnfahrten und Wartezeiten auf Bahnhöfen gibt es also immer was zu tun. 😉 Manchmal frage ich mich, wie ich früher eigentlich solch unverplante Leerstellen im Zeitablauf verbracht habe. Meistens hatte ich Lektüre dabei, die ich aber oft dann doch nicht aufschlug. Gelangweilt habe ich mich trotzdem nie. Im Zug konnte ich stundenlang aus dem Fenster schauen, und wenn es nicht gerade durchs Ruhrgebiet ging, fand ich die Landschaft fast immer interessant. Ganz früher, als die Züge noch nicht im Fünf-Minuten-Takt aufeinanderfolgten und man auf Bahnhöfen manchmal mehrere Stunden Aufenthalt hatte, habe ich die fremde Stadt erkundet. In Nürnberg beispielsweise, wo ich oft umsteigen und warten musste, kenne ich mich daher ganz gut aus, obwohl ich niemals auch nur eine Nacht in der Stadt verbracht habe. In Frankfurt am Main dagegen, das man auf Fernflügen ja zwangsläufig passiert, würde ich mich glatt verlaufen, wenn ich mich nur ein paar Schritte vor den Bahnhof wagte. – Aber nein, jetzt natürlich nicht mehr, denn jetzt habe ich ja mein Tablet dabei, das mit Landkarten und Stadtplänen aus aller Welt ausgestattet ist und außerdem über ein Navigationssystem verfügt … Keine Chance mehr auf unvorhergesehene Abenteuer, überraschende Reisebekanntschaften und planloses Entdecken der Welt.

Eigentlich war das Tablet auch zum Telefonieren gedacht, das war sogar eine meiner unabdingbaren Voraussetzungen für die Auswahl. Aber in der Praxis ist es dafür doch nicht so ideal. Wenn ich mir vorstelle, das Tablet klingelt, und ich krame erst mal in der Handtasche nach dem Headset, um nicht die Freisprechvorrichtung benutzen zu müssen … Mit diesen mobilen Endgeräten ist es wie mit Evas Apfel: Wenn man mal angefangen hat, davon zu naschen, kommt es auf ein bisschen mehr auch nicht mehr an. Inzwischen verfüge ich noch über ein Zweithandy, ein winziges Leichtgewicht, mit dem man wirklich nur telefonieren kann, das dafür aber ganz gut. Na ja, nicht nur. Kontakte verwalten, Notizen machen, SMS versenden und zwischen verschiedenen Klingeltönen und Hintergrundbildern auswählen kann man natürlich auch, sogar ein kleines Ballerspiel ist drauf. Mehr aber wirklich nicht, versprochen.

Wie nützlich so ein Tablet ist, habe ich gerade vor Kurzem erfahren, als ich wegen eines Unfalls ein paar Tage lang in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Ob ich da den inneren Schweinehund überwunden und mich trotz Handicap an den Schreibtisch gesetzt hätte, werde ich nie mehr herausfinden. Es war nicht nötig, denn ich hatte ja meinen Minicomputer, der in einer Hand Platz hat. Es ist zwar nicht sehr komfortabel, aber wenn es nötig ist, kann man tatsächlich auch damit arbeiten. Ich habe den ganzen Tag lang Produktbeschreibungen verfasst, mir die Bilder auf dem Tablet angeschaut und die Texte mit der virtuellen Tastatur eingegeben. Etwas umständlich, aber es geht.

Doch natürlich kamen da gleich wieder andere Begehrlichkeiten ins Spiel. Bevor ich mich für das Tablet entschied, hatte ich lange überlegt, ob ich mir nicht lieber ein Netbook zulegen sollte. Das hat einen leistungsfähigeren Prozessor, mehr Arbeitsspeicher, eine größere Festplatte und vor allem eine echte Tastatur. Ich bereue meine Entscheidung zwar nicht, denn das Tablet war die bessere Wahl. Es ist klein, leicht, man kann es überallhin mitnehmen und auch im Bus mal schnell aus der Tasche holen. Mit einem Netbook ginge das nicht. Aber wenn ich wirklich arbeiten, das heißt, längere Texte schreiben will, wäre das Netbook doch praktischer. Mit anderen Worten: Ich hätte gern beides. Dann könnte ich mich je nach Einsatzzweck für das praktischere Teil entscheiden.

Vielleicht sind ja die neuen Ultrabooks das Nonplusultra für alle Fälle. Dabei handelt es sich nicht wie bei den Netbooks um abgespeckte Notebooks, sondern im Gegenteil um ganz besonders leistungsfähige, sozusagen um aufgespeckte, die aber trotzdem kleiner, dünner und leichter, also wirklich transportabel sind, wenn vielleicht auch nicht ganz so leicht wie Netbooks. Für so eine eierlegende Wollmilchsau muss man allerdings auch ein Vielfaches des durchschnittlichen Netbookpreises hinblättern. Aber attraktiv wirken sie schon. Von Weitem habe ich mal einen kurzen Blick auf das neue MacBook Air geworfen. Da war ein Eins-a-Designer am Werk. Das sieht aus, als wäre es schwerelos: hell, fast durchsichtig, mit einem erleuchteten Apple-Logo, an den Kanten stromlinienförmig schmaler werdend. Also wenn ich es mir mal leisten kann …

Auf Pagewizz habe ich übrigens mein aktuelles Allzwecktablet etwas ausführlicher vorgestellt. Und natürlich hat auch mein süßes kleines Zweithandy eine Produktvorstellung bekommen.

Bildquelle: Paul-Georg Meister / pixelio.de, Paul-Georg Meister / pixelio.de
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Gestern war heute, ist heute gestern?

Richtig oder falsch?Über eine Absurdität im journalistischen Stil

Im Redaktionsbüro einer Tageszeitung spielt sich ein alltägliches Drama ab. Der Redakteur hat einen klasse Text abgeliefert. Einen Aufmacher über einen hochbrisanten Prozess, frisch aus dem Gerichtssaal. Der Artikel ist gespickt mit satirischen Seitenhieben und gnadenlosen Tiefschlägen. Stunden hat der Verfasser über dem Text gebrütet, hat an seinen Formulierungen geschliffen, hier ein wenig gefeilt, dort ein kleines Ornament angebracht. Unzählige Male hat er sein Werk gelesen, hat nicht mit Selbstkritik gespart, bis er es endlich aus der Hand gab.

Und die Mühe war nicht umsonst. Der Korrektor findet nur zwei winzig kleine Fehlerchen. Irgendwo fehlt ein n, dafür ist an anderer Stelle ein Komma zu viel. Nun gut, das lässt sich verkraften. Einen Artikel zu schreiben, an dem dieser Erbsenzähler überhaupt nichts auszusetzen hat, das bringt kaum jemand fertig. Aber was ist das? Da hat dieser hochnäsige Ignorant doch tatsächlich zwei Wörter gelb markiert und an den Rand geschrieben: „„Passt nicht.““ Was soll da nicht passen? In meinem Artikel passt alles. Du verstehst wahrscheinlich nur nicht, wie das gemeint ist, du Korinthenkacker!

Im Vollgefühl seiner intellektuellen Überlegenheit stürmt der Redakteur zum Korrekturtisch und fragt mit schneidend scharfer Stimme, gewürzt mit einem Hauch von Ironie: „„Hätten Sie vielleicht die Güte, mir zu erklären, was Ihnen an meinem Artikel nicht passt? Aus Ihrer Anmerkung geht das leider nicht hervor.““

Der Korrektor hebt sein gebeugtes Haupt vom vor ihm liegenden Blatt, wirft einen kurzen Blick auf die Markierung und antwortet gelangweilt: „“Ist doch klar. Sie schreiben: ‚Gestern sitzt der Angeklagte anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank und blättert in einem Aktenordner.’‘ Verstehen Sie? ‚Gestern sitzt …‘ …‘ Gestern und Präsens. Das geht nicht. Nach gestern muss eine Vergangenheitsform kommen.““

„“Das zeigt mal wieder, dass Sie vom Journalismus keine blasse Ahnung haben. Das ist ein Feature, da schreibt man grundsätzlich in der Gegenwart. Wir wollen ja schließlich aktuell sein. Was gestern war, interessiert die Leute nicht.““

„“Das ist mir schon klar. Ich hab das Präsens an sich ja auch gar nicht bemängelt. Aber hier an dieser Stelle passt es halt so nicht. Vielleicht können Sie einen Einleitungssatz in der Vergangenheitsform schreiben, aus dem hervorgeht, dass das Ganze gestern stattfand. Oder Sie ersetzen gestern durch etwas anderes.““

„“Hören Sie mal, ich hab mir genau überlegt, wie ich meinen Artikel schreibe. Ein Einleitungssatz passt da nicht hin. (Außerdem haben wir auch gar nicht genügend Platz dafür.) Der Leser soll den Eindruck gewinnen, direkt am Ort des Geschehens zu sein. Einleitungssätze stören da nur.““

„“Gestern und Präsens stört aber auch. Was gestern war, ist nun mal nicht heute. Denken Sie wirklich, die Leser merken das nicht?““

Schließlich einigen sich Redakteur und Korrektor auf eine maßvolle Modifikation des Satzes. Gestern wird ersetzt durch den Ausdruck Zu Prozessbeginn.

Der Korrektor ist überglücklich über den errungenen Sieg und geht im Bewusstsein nach Hause, etwas Gutes getan zu haben. Er recherchiert noch ein paar Stunden im Internet über eine andere Streitfrage, schlingt nebenbei ein paar Happen hinunter und fällt schließlich in den frühen Morgenstunden todmüde ins Bett. Der neue Tag kann kommen!

Aber dann geschieht Folgendes:

Irgendwann gegen Mittag wacht der Siegreiche auf und dämmert im Halbschlaf noch ein wenig vor sich hin. Textfetzen und Zeitungsfloskeln schwirren ihm durchs Hirn, Angeklagte sitzen anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank, nicht nur heute, auch gestern sitzen sie schon da. Halt! „„Auch gestern sitzt der Angeklagte wie immer anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank.““ Der Satz geht ihm runter wie Butter, nichts stört ihn daran. Was ist passiert? Hat sein Sprachgefühl sich breitschlagen lassen? Ist er zum Schluss doch noch der Übermacht der skrupellosen Schnellschreiber erlegen? Eine ernste Identitätskrise deutet sich an.

Der Korrektor lässt sich den Satz auf der Zunge zergehen, nimmt ihn mit unter die Dusche, wo ihm schon so manche Erleuchtung zuteilwurde, fragt sich, was sich in seinem Leben seit gestern verändert hat. War er zu pingelig? Hat er gar einen hervorragenden Zeitungsartikel verschandelt, nur weil er nicht imstande war zu begreifen, wie journalistischer Stil funktioniert? Das täte ihm leid. Vor allem wäre es auch peinlich, denn so egomanisch ist er nicht, dass er auf etwas Falschem bestehen würde, nur um sein Gesicht zu wahren.

Doch die Lösung des Rätsels ergibt sich, während er damit beschäftigt ist, sein Butterbrot für den Nachmittag zu schmieren. Es sind ja gar nicht dieselben Sätze!

  • Gestern sitzt der Angeklagte anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank und blättert in einem Aktenordner.
  • Auch gestern sitzt der Angeklagte wie immer anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank.

Zwischen gestern und auch gestern ist anscheinend ein gewaltiger Unterschied. Ein Wort am Satzanfang ist häufig stark betont, da kann man seine Bedeutung nicht so einfach ignorieren. Wenn gestern betont ist, weil es am Satzanfang steht, nimmt man beim Lesen den zeitlichen Aspekt des Wortes wahr. Folgt darauf dann ein Verb im Präsens, wirkt das falsch (was es ja auch ist). Vergangenheit und Gegenwart prallen aufeinander und bringen im Geist des Lesers die Fensterscheiben zum Klirren.

Versteckt sich gestern dagegen zwischen anderen Wörtern, die die Aufmerksamkeit stärker auf sich ziehen, ist seine Bedeutung nicht mehr so entscheidend. Seine Funktion besteht dann eher darin, dem Satz einen eingängigen Rhythmus und eine hübsche Melodie zu verleihen. Auch gestern, wie immer, na ja, das kennt man ja schon: Dieser Angeklagte, immer sitzt er anscheinend so unbeteiligt da. Immer, nicht nur gestern. (Natürlich auch gestern, wie immer eben, das ist selbstverständlich, da achtet man dann nicht mehr drauf.)

Bildquelle: Gerd Altmann
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‚Anna Karenina‘ – Von geschorenen Haaren und gebrochenem Rückgrat

Anna KareninaWas macht einen Roman zu einem Meisterwerk?

Als ich Anna Karenina zum ersten Mal las, war ich dreizehn. Mein Exemplar war eine gekürzte Ausgabe irgendeines Buchclubs, die ihr Dasein im untersten Fach unseres Wohnzimmerschranks fristete. Die oberen Reihen nahmen Gläser und das Sonntagsservice ein. Im unteren Fach hatte die Hausbibliothek ihren Platz. Auf dem Einband war eine wunderschöne Frau zu sehen in einem reich geschmückten rosa Gesellschaftskleid, einem blumenbesetzten Hut und mit nachdenklich-melancholischem Gesichtsausdruck. Vermutlich war es Greta Garbo.

Ich verbrachte ein paar Wochen bei meiner einstigen Pflegemutter, denn meine richtige Mutter lag mit Krebs im Krankenhaus. Einen Vater gab es nicht. Meine Pflegemutter nahm mir das Buch zwar nicht weg, fragte aber ganz besorgt: „„Verstehst du das denn schon?“ „Ja klar, wieso soll ich das nicht verstehen?“, fragte ich zurück. Und wirklich, es gab nichts in dem Buch, was ich nicht verstand, keine Fremdwörter, keine komplizierten Sätze, keine langweiligen Passagen. Es las sich wie ein spannender Abenteuerroman. Wie gesagt, eine gekürzte Ausgabe: Lewins Zweifel am Sinn des Lebens, seine Erntearbeiten und Reformbestrebungen fehlten.

Die besorgte Frage meiner Pflegemutter zielte natürlich auf etwas anderes. Sie hatte Anna Karenina zwar nicht gelesen, hatte aber gehört, dass es darin um Ehebruch ging. Als ich dreizehn war, galten derartige Themen als unpassend für junge Mädchen.

Einige Jahre später wurde mir klar, dass ich nichts verstanden hatte. Was Ehebruch war, hatte ich gar nicht gewusst. In der Schule hatten wir zwar Sexualkundeunterricht gehabt, aber das hatte mit dem wirklichen Leben nichts zu tun. Ich las Anna Karenina ein zweites Mal und argwöhnte, dass in meiner gekürzten Ausgabe ausgerechnet die Sexszenen fehlten.

Wieder einige Jahre später besorgte ich mir endlich eine ungekürzte Ausgabe. Inzwischen studierte ich Literaturwissenschaft. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass in dem Buch keine Sexszenen vorkommen und folglich auch nicht herausgestrichen waren. Es stand zwar alles da, aber so, dass jedes Kind das Buch lesen konnte, ohne „„verdorben““ zu werden. Und ohne den Eindruck zu gewinnen, es würde irgendetwas fehlen. Das ist die Kunst der Andeutung.

Zum ersten Mal las ich nun auch die vollständige Geschichte Lewins und seiner Ehe mit Kitty und begriff, dass die gekürzte Ausgabe aus meiner Jugend tatsächlich verstümmelt war. Jeder, der sich mit Anna Karenina beschäftigt, weiß, dass Lewins und Kittys Geschichte den Gegenentwurf zu Annas und Wronskijs Schicksal bildet und dass ein angemessenes Verständnis des Buches ohne diesen Teil gar nicht möglich ist.

Durch Zufall bin ich nun gerade wieder einmal auf Anna Karenina gestoßen. Und wieder habe ich etwas dazugelernt. Abgesehen vom puren Lesevergnügen, das jede gut geschriebene Geschichte bereitet, geht es mir mit diesem Buch wie mit nur ganz wenigen anderen: Bei jedem neuen Lesen entdecke ich neue Facetten, Bedeutungen, Anspielungen und verborgene Symbolik. Manches ist so offensichtlich, dass ich mich frage, wie ich früher darüber habe hinweglesen können.

Wusste ich denn schon immer, dass das traurige Schicksal von Wronskijs Rennpferd Frou-Frou, das erschossen werden muss, weil er ihm beim Rennen das Rückgrat bricht, Annas weitere Geschichte vorwegnimmt? Beim ersten Lesen sicher nicht, denn die Episode des Pferderennens ist für sich genommen schon so aufregend und für die vordergründige Handlung bedeutsam, dass die hintergründige Symbolik dadurch überdeckt wird.

Und ob man es glaubt oder nicht: Erst jetzt habe ich mich gefragt, was Annas kurzgeschorene Haare nach ihrer Krankheit zu bedeuten haben. Und erst jetzt ist mir aufgefallen, dass auch Lewins euphorischer Gemütszustand, nachdem Kitty seinen Heiratsantrag angenommen hat, nicht so eindeutig positiv dargestellt wird, wie es zunächst scheint, ebenso wenig wie Karenins christliche Vergebung an Annas Krankenbett. Abgebrüht und misstrauisch, wie ich in literarischer Hinsicht mittlerweile bin, kommt mir der Roman nun wie ein Vexierspiel vor: Tolstoi vermag sich hervorragend in den Geisteszustand jedes seiner Protagonisten zu versetzen, hält sich mit Bewertungen jedoch vornehm zurück.

Jedes Kunstwerk birgt die Möglichkeit unterschiedlicher Interpretationen in sich. Es ist ein Spiegel, in dem der Betrachter sich selbst erblickt. Es stellt Fragen, die es nur gemeinsam mit dem Leser beantworten kann.

Annas abgeschnittene Haare: Symbolisieren sie den Verlust ihrer Lebenskraft? Werden hier alte Zöpfe abgeschnitten oder wird Anna der Kopf geschoren, wie man es früher mit Ehebrecherinnen tat? Ich weiß es nicht. Ebenso wenig, wie ich weiß, ob Tolstoi Annas Ehebruch wirklich verurteilt. So verführerisch es auch sein mag, Anna und Wronskij auf der einen Seite und Kitty und Lewin auf der anderen einander als positiven und negativen Lebensentwurf gegenüberzustellen – es erscheint mir zu einfach, wenn ich das Buch unvoreingenommen lese. Es ist zu viel Sympathie und Verständnis für Anna und selbst für Wronskij darin, zu viel Distanz und Ironie gegenüber Karenin und selbst Lewin gegenüber. Das Leben ist kompliziert und kennt keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen, und Tolstoi hat das gewusst.

Bildquelle: Aleksei Mikhailovich Kolesov (www.pinterest.com) [Public domain], via Wikimedia Commons, {{PD-1923}}

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Interview mit mir selbst

Kerze mit Spiegelbild

 

 

 

Antje, wie bist du auf die Idee gekommen, Texterin zu werden?

Ach, die Idee lag sozusagen auf der Straße. Eigentlich betrachte ich mich als Schriftstellerin. Leider habe ich bisher noch nicht den ultimativen Bestseller veröffentlicht. Ob’s nun an mir liegt oder an den Umständen – das werden nach meinem Ableben die Götter wissen. Jedenfalls habe ich als Texterin die Möglichkeit, mich im kleinen Rahmen sprachlich-kreativ auszutoben.

Schriftstellerin und Texterin – gibt es da keine Konflikte?

Nur zeitlicher Art. Das Texten hat natürlich Vorrang, denn der Kunde ist bekanntlich König. Im Moment habe ich zwar verschiedene Ideen fürs „richtige“ Schreiben und ein angefangenes Projekt im Hintergrund, komme aber kaum dazu, daran zu arbeiten.

Du schreibst so selten in deinem Blog.

Ich würde gern öfter schreiben, aber andere Dinge sind dringender. Zurzeit bin ich viel mit Korrekturlesen beschäftigt. Das ist eine Arbeit, die hohe Konzentration verlangt, aber wenig Spielraum für Kreativität lässt. Bis ich danach wieder in Schreibstimmung bin, dauert es immer eine Weile, und dann gibt es meistens etwas anderes zu schreiben, das Vorrang hat.

In Internetforen habe ich auch schon lange nichts mehr von dir gelesen …

Das hat denselben Grund. Auch wenn ich „nur“ einen Forenbeitrag schreibe, überlege ich mir meine Worte und plappere nicht nur so daher. Nach einem langen Tag Korrekturlesen fehlt mir meistens die Energie dazu. Aber ich verfolge die Foren, die mich interessieren, auch weiterhin und bleibe Forenfreunden innerlich treu, auch wenn die mal längere Zeit nichts von mir zu lesen bekommen.

Was war dein bestes Erlebnis als Texterin?

Der Auftrag, die Website für eine private Musikhochschule zu betexten. Klassische Musik ist neben dem Schreiben meine zweite große Leidenschaft. Dazu kam, dass der Leiter dieser Musikhochschule in seinen Ansichten über Musik ganz genau mit meinen eigenen übereinstimmte. Daher konnte ich hier einmal zu meinem Lieblingsthema das schreiben, was ich wirklich denke. So etwas kommt selten vor.

Und das schlimmste Erlebnis?

Ein Auftraggeber, der mich unbedingt persönlich treffen wollte, um Details zu besprechen. Ich habe also mit Mühe und Not eine Lücke im Terminkalender gefunden, um ein Treffen zu ermöglichen. Dabei stellte sich dann heraus, dass er weniger als zwei Sätze zu seinem Auftrag zu sagen hatte. Wer so großzügig mit der Zeit seiner Geschäftspartner umgeht, verdient keine gute Texterin.

Vielen Dank für diese Statusmeldung. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und genügend Atempausen, um die Kreativitätsspeicher immer wieder aufzufüllen.

Bildquelle: Paul-Georg Meister / pixelio.de
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Vom Texten im Dunkeln


Schmetterling im DunkelnDa habe ich nun endlich das Licht ausgeknipst, habe eingesehen, dass ich heute, übermüdet, wie ich bin, ganz sicher nichts mehr zustande bringe, und dann, während ich schon halb schlafe, fällt mir der Anfang des heiß umworbenen Textes ein, manchmal auch der Schluss oder ein wichtiger Satz in der Mitte. Leider bin ich schon komplett auf Energiesparlampen umgestiegen, denen tut häufiges Ein- und Ausschalten nicht so gut. Außerdem will ich ja auch wirklich schlafen, aber die Textfetzen trotzdem irgendwie festhalten, denn morgen sind sie vielleicht unwiederbringlich verloren. So habe ich mir angewöhnt, im Dunkeln auf großen Papierbögen zu schreiben, die um mein Bett herum verstreut liegen. Danach kann ich beruhigt einschlafen. Ich hoffe einfach, dass ich das Gekritzel am nächsten Tag noch lesen kann.

Warum so viel Aufwand wegen ein paar Worten, die ich mir am nächsten Tag in ausgeruhtem Zustand doch viel besser zurechtlegen könnte? Verwende ich diese Einfälle überhaupt genau so, wie sie mir in den Sinn kamen? Ja, so gut wie immer. Auch bei nüchterner Prüfung erweisen sich ungerufene Einfälle fast immer als die beste Lösung eines gegebenen Textproblems. Der ideale Text würde sich folglich nur aus spontanen Einfällen zusammensetzen.

Dass einem ein ganzer Text mehr oder weniger vollständig aus dem Unterbewusstsein auf dem Silbertablett serviert wird, kommt allerdings selten vor. (Mozart soll seine Sinfonien so geschrieben haben.) Meist sind es nur einzelne Sätze oder Passagen, die in druckreifer Form aus dem Nichts heranschweben. Doch die bilden ein stabiles Gerüst, dessen Lücken sich dann „“per Hand““ leicht ausfüllen lassen.

Wer beruflich textet, weiß, dass Einfälle selten dann kommen, wenn man sie braucht. Sie haben eine Vorliebe für allerlei Schabernack. Sie suchen den Texter meistens dann heim, wenn er gar nicht weiß, wohin mit ihnen. Unter der Dusche, in der Warteschlange an der Kasse beim Einkaufen, beim Joggen im Wald und immer dann, wenn er keinen Stift bei sich hat. Der Platz am Schreibtisch wirkt auf Einfälle weniger einladend. Da sitzt man dann und überlegt oder lenkt sich ab mit Surfen im Internet oder der überfälligen Steuererklärung.

Schließlich muss der Text dann doch geschrieben werden, auch ohne Einfall. Auf mich wirken solche uninspirierten Texte immer etwas verdächtig. Ich traue ihnen nie ganz. Der Leser wird – hoffentlich – dem fertigen Text nicht anmerken, wie er entstanden ist. Aber für mich selbst ist es das höchstmögliche Gütesiegel eines Textes, wenn ich mich dafür überhaupt nicht angestrengt habe, sondern wenn er mir im Schlaf geschenkt wurde.

Bildquelle: RondellMelling / pixabay.com

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