Werbung ist Glückssache


Schöne Aussicht
Oder: Wenn selbst die Natur ihre Haut zu Markte tragen muss


Wer meinen Blogartikel Traumhaftes Wandern im Schleifendesign kennt, weiß, dass ich seit jeher eine Freundin von Waldspaziergängen bin. Lange bevor die Mode der Zertifizierung von Wanderwegen ausbrach, sodass nun fast jede Gemeinde einen Premium-Wanderweg vorweisen kann, bin ich auf eigene Faust auf Entdeckungstouren gegangen. Die Motivation dabei war weniger die Jagd nach Sehenswürdigkeiten als vielmehr das Wandern an sich. Durch die Bewegung an der frischen Luft gewinnt man Abstand vom Alltag, sieht die Dinge in einer neuen Perspektive und lernt immer wieder einiges über die Natur dazu.

Ein Waldweg ist eigentlich ziemlich langweilig. Links eine Reihe von Bäumen, rechts eine Reihe von Bäumen und in der Mitte ein mehr oder weniger breiter Pfad, der von mehr oder weniger Blättern bedeckt ist. Im Herbst sind es mehr Blätter, die eine Gefahrenquelle darstellen können, weil sie vom Regen aufgeweichte schlüpfrige Stellen oder vorstehende Baumwurzeln verdecken. Dafür lockt der Herbst mit bunten Farben; das ewige Grün des Sommers findet manch einer vielleicht etwas eintönig.

Natur ist auch ohne Highlights ein Genuss

WaldwegTraumschleifen, Traumpfade, Vitaltouren und wie sie alle heißen, versuchen den klassischen Wanderweg dadurch aufzupeppen und interessanter zu gestalten, dass sie ihn schmaler anlegen und auf verschlungenen Pfaden möglichst viele touristische Highlights berühren. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange die Natur mitspielt. Aber nicht jede Gegend gibt genügend außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten her. Auf einem Waldspaziergang entspannen und die Natur genießen kann man dort trotzdem.

Nun muss aber auf jeden Fall die Werbetrommel für die gemeindeeigenen Wanderwege gerührt werden, egal ob die nun tatsächlich traumhaft sind oder nur durchschnittlich. Da werden dann gern die „atemberaubenden Aussichten und spektakulären Blicke“ bemüht. Sicher gibt es hier und da atemberaubende Aussichten und spektakuläre Blicke, aber nicht jede Aussicht von jeder beliebigen Erhebung ist gleich atemberaubend.

Vorsicht vor Übertreibungen!

Vor Kurzem las ich so einen spektakulären Werbeprospekt. Von einem abenteuerlichen Pfad war darin die Rede, für „den, der seinen Weg geht“. Na, das dürften ja nicht allzu viele sein, auch wenn sich natürlich jeder angesprochen fühlen soll. Und selbstverständlich fehlte es auch nicht an atemberaubenden und spektakulären Adjektiven in dem Werbetext.

Der traumhafte Pfad entpuppte sich dann als ganz normaler bequemer und eher breit angelegter Wanderweg. Links eine Reihe von Bäumen, rechts eine Reihe von Bäumen und in der Mitte … siehe oben. Damit man an den außergewöhnlichen Highlights nicht versehentlich vorbeigeht, wies ein Schild am Wegrand nach links zur „Schönen Aussicht“. Natürlich musste ich diesem Schild folgen, Bäume hatte ich inzwischen schließlich genug gesehen. Was mich ein paar Schritte abseits vom Weg dann erwartete, war dies:

Schöne Aussicht

Schöne Aussicht

Ist Werbung wirklich Glückssache?

Nein, natürlich nicht. Damit Werbung funktioniert, muss sie ein paar Grundvoraussetzungen erfüllen. Natürlich soll eine gelungene Werbekampagne die Vorzüge des beworbenen Produkts oder der Dienstleistung ins beste Licht rücken. Ein wenig (!) Übertreibung ist dabei erlaubt. Aber der Abstand zwischen Werbung und Wirklichkeit darf nicht unüberbrückbar groß sein. Produkt oder Dienstleistung müssen die versprochenen Vorzüge wirklich besitzen. Ist das nicht der Fall, handelt es sich um Irreführung, und der Kunde ist zu Recht verärgert.

Die Werbeaussage sollte auch nicht nur aus Allgemeinplätzen bestehen, die auf fast jedes beliebige Produkt zutreffen. Das wichtigste Argument in einer guten Werbekampagne ist immer noch der unique selling point, kurz USP, zu Deutsch das Alleinstellungsmerkmal. Also eine Eigenschaft, die nur auf das beworbene Produkt zutrifft und dieses von der Konkurrenz abhebt.

Bei einem Wanderweg sollte es eigentlich nicht allzu schwierig sein, etwas Einzigartiges in den Vordergrund zu rücken. Denn jeden Wanderweg gibt es naturgemäß nur ein einziges Mal, daher ist auch die Umgebung einzigartig. Man muss sie nur genau anschauen und ihre Einzigartigkeit dem Leser nahebringen.

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Burg Drachenfels im Wasgau

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Die Burgruine Drachenfels ist eine der eindrucksvollsten Felsenburgen im südlichen Pfälzerwald Alte Burgen und Schlösser üben auf viele Menschen eine geheimnisvolle Faszination aus. Besonders wenn nur noch Ruinen vorhanden sind, kann das die Fantasie anregen. Wie mag es hier wohl … Weiterlesen

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Wissembourg und Lauterbourg – Besuchermagneten im Elsass

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Französische Lebensart schnuppern Gleich hinter der Grenze zu Frankreich liegt im Elsass das malerische Städtchen Wissembourg. Mit seinem intakten mittelalterlichen Stadtbild, gepflegten Grünanlagen und einigen Sehenswürdigkeiten ist es ganz auf die Besucher aus dem Nachbarland eingestellt. Ein kleiner Stadtrundgang dauert … Weiterlesen

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Die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz

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Das Obere Mittelrheintal – eine der romantischsten Landschaften in Deutschland Koblenz ist ein ideales Ziel für einen Tagesausflug. Als Tor zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal gibt es einen Vorgeschmack davon, was den Reisenden auf einer Fahrt auf oder am Rhein entlang … Weiterlesen

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Auf dem Druidenpfad

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Wandern an der französischen Grenze Kelten und Druiden – diese Namen wecken Assoziationen wie Geheimwissen und Leben im Einklang mit der Natur. Ein wenig Licht ins mystische Dunkel bringt eine Wanderung auf dem Druidenpfad bei Niedaltdorf im Saarland. Diese Traumschleife … Weiterlesen

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Wo der Teufel zu Tisch saß

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Unterwegs im Pfälzerwald auf dem Dahner Felsenpfad Der Zug tutet sich mit ohrenbetäubendem Lärm seinen Weg durch den südlichen Pfälzerwald. Das ist Vorschrift an unbeschrankten Bahnübergängen, und davon gibt es auf der Strecke der Wieslauterbahn mehr als genug. Dennoch habe … Weiterlesen

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Traumhaftes Wandern im Schleifendesign

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Die neue Traumschleife Rund um die Kama in Idar-Oberstein – selbst getestet Wenn man früher ein bisschen spazieren gehen wollte, ging man einfach los. Ambitionierte Wanderer nahmen vielleicht eine topografische Karte mit. Ab und zu waren auch Markierungen an den … Weiterlesen

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Kurz und dumm

Buchstaben und Sätze
Was man mit der Sprache machen kann

Wie man als Texter schreiben soll, ist klar definiert. Man kann es überall im Internet nachlesen. Die Ratschläge sind immer dieselben: Kurze Sätze. Höchstens einen Nebensatz. Keine Fremdwörter. Einfach und verständlich. Wer will, kann auch noch die Anzahl der Wörter im Satz und die Wortlänge optimieren. Oft wiederholtes Bonmot: Der Texter soll sich beim Schreiben anstrengen, nicht der Leser beim Lesen.

Früher war das anders. Da lernte man im Deutschunterricht, Texte zu analysieren. Kurze und längere. Einfache und schwierige. Werbetexte und Romane. Dramen und Gedichte. Wie man gut schreibt, lernte man nicht. Wie Aufsätze benotet wurden, blieb mir immer ein Rätsel. Wir sollten einmal einen Brief schreiben. (Damals gab es noch kein Internet und keine E-Mail.) Also schrieb ich so, wie ich auch im wirklichen Leben an meine Schulfreundinnen geschrieben hätte. Eine dieser Freundinnen schrieb einen Brief, den wir alle langweilig fanden. Sie bekam eine Zwei, ich eine Vier.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel:

Ich sitze im Zug. Die Sonne knallt durchs Fenster. Ich schwitze. Eine Gruppe von Fußballfans brüllt rum und singt. Sie trinken Dosenbier. Der Zug ist voll besetzt. Ich sitze oben auf einem Fensterplatz. Aber der vordere Teil ist durch die Trennwand zwischen den Fenstern verdeckt. Um hinauszusehen, muss ich den Kopf zur Seite drehen. Das nervt. Außerdem blendet die Sonne. Ich hatte mich darauf gefreut, an der Mosel entlangzufahren. Aber bei dem Gekreische und Gebrülle und der Radiomusik kann ich die Fahrt nicht genießen.

Das ist kurz, aber nicht gut. Texte dieser Art nerven mich fast genauso sehr wie brüllende Fußballfans. Ich frage mich dann immer, ob die Leute nicht mehr denken können. Oder ob ihnen durch die Simplifizierung der Sprache das Denken systematisch abgewöhnt werden soll. Ja, ich weiß, statt „Simplifizierung“ hätte ich „Vereinfachung“ schreiben sollen.

Die Struktur der Sätze spiegelt die Struktur der Gedanken wider. Im obigen Text stehen alle Beobachtungen und Ereignisse scheinbar gleichberechtigt nebeneinander. In meinem Empfinden sind sie aber nicht gleichberechtigt. Indem ich Nebensätze bilde, ordne ich Beobachtungen und Ereignisse in einer bestimmten Rangfolge an.

Ein neuer Versuch:

Im Zug von Trier nach Koblenz, Samstagmorgen. Der Anblick der an meinem Fenster vorbeifließenden Mosel, der sonst eine zugleich erfrischende wie meditative Wirkung auf mich ausübt, wird überlagert vom Gebrüll und Gegröle einer Gruppe von Fußballfans, die den vorderen Teil des Wagens okkupiert haben. Sie scheinen jetzt schon leicht besoffen zu sein, obwohl ich nur hier und da eine Bierdose sehe. Wie soll das bis heute Abend werden? Ihr Geschrei wird immer lauter, zuerst war es noch eine Art Lied, jetzt beschränkt es sich auf „Olé, olé“, untermalt von Radiomusik. Sie sind die Herren des Zuges. Niemand wagt Einspruch zu erheben, auch nicht der Fahrkartenkontrolleur. Es hätte auch keinen Sinn. Sie sind in der Mehrheit, der Stärkere siegt.

Ich hatte mich auf diese Fahrt gefreut. An der Mosel fahre ich immer gern entlang, und heute scheint die Sonne, die Bäume am Ufer sind grün … Aber es fing schon nicht so gut an. Der Zug ist überfüllt, ich muss froh sein, überhaupt einen Platz ergattert zu haben, sogar einen Fensterplatz. Allerdings ist der vordere Teil von der Zugwand verdeckt, und von hinten brennt die Sonne auf meinen Nacken. Deshalb hat die Dame neben mir wohl den Platz am Gang vorgezogen. Ich habe noch einen langen Tag vor mir, erst heute Abend um acht werde ich wieder zu Hause sein. Ein Großteil meiner Energie ist jetzt schon flöten gegangen. Ich versuche aus dem vielen Grün draußen und dem Anblick des fließenden Wassers ein wenig davon zurückzuerlangen. Da scheppert es neben mir, irgendjemand hat das Sonnenrollo halb heruntergezogen. Jetzt sehe ich draußen gar nichts mehr und bin wehrlos der grölenden Fußballhorde ausgeliefert.

Zu ausführlich? Vielleicht, aber sicher nicht unverständlich, obwohl da lange Satzreihen und Konstruktionen mit mehreren Nebensätzen drin sind. Zum Atemholen aber auch immer wieder mal ein kurzer Einschub. Abwechslung wirkt weniger ermüdend als eintöniges Einerlei. Wichtiger als die Länge eines Satzes sind die Anordnung der Wörter und ihre Betonung. Ein Text, der nur aus Bandwurmsätzen, möglichst noch mit vielen komplizierten Ausdrücken, besteht, ist eine Zumutung, das ist schon richtig. Aber der abgehackte Stakkato-Stil, der nur aus Sätzen mit höchstens 14 Wörtern besteht, kann auch nicht die Lösung sein. Der Autor erzieht durch seinen Stil schließlich auch seine Leser. Fähigkeiten, die nicht gefordert werden, verkümmern mit der Zeit. Wenn wir also immer nur kurze, einfache Sätze mit höchstens einem Nebensatz schreiben, wird irgendwann tatsächlich niemand mehr in der Lage sein, einen etwas anspruchsvolleren Text zu verstehen.

Bildquelle: Gerd Altmann
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Suchen und finden in Indien

Eingang zur Lomas-Rishi-Höhle in den Barabar-Hügeln in BiharAuf der Suche nach Indien von E. M. Forster

E. M. Forsters Roman A Passage to India lernte ich im Vorfeld einer eigenen Indienreise kennen. Indien hatte mich schon immer fasziniert. In meiner Studienzeit umgab das Land noch eine geheimnisvolle Aura. Man vermutete dort einen leichteren Zugang zu höheren Erkenntnissen und Spiritualität auch im Alltag, denn warum sonst sollte man dorthin fahren? Indien war allerdings auch das Ziel ganzer Scharen von Hippies, die am Strand von Goa oder in den nördlichen Gebieten im Himalaya vor allem einen leichteren Zugang zu Drogen vermuteten.

Mit einer Indienreise gleich nach dem Abitur oder während des Studiums, die ich vage in Betracht gezogen hatte, klappte es nicht. Aber später, als ich schon gar nicht mehr so viele Flausen im Kopf hatte, kam ich zu meiner eigenen Überraschung doch noch dorthin, als DAAD-Lektorin an eine technische Hochschule in Madras. In den Monaten der Vorbereitung las ich alles, was die Uni-Bibliothek an Literatur über Indien hergab. Aber es wirft ein Licht auf meine innere Verfassung, dass ich mich weniger mit wirtschaftlichen Kennzahlen und den Lebensbedingungen der Bevölkerung auseinandersetzte als vielmehr mit Reiseberichten und Romanen.

A Passage to India besaß die Bibliothek nur im englischen Original. Ich fand es schwierig bis unverständlich und schloss daraus, dass meine Englischkenntnisse dringend einer Auffrischung bedurften. Kurz vor der Abreise schenkte mir dann eine Bekannte die deutsche Übersetzung. Mit Schrecken und Erleichterung stellte ich fest, dass der deutsche Text auch nicht viel verständlicher war. Es lag also nicht allein an mangelnden Sprachkenntnissen.

Über Forsters Art des Erzählens würde wohl jeder Leiter von Schreibkursen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Seine Romane sind durchsetzt mit moralischen und philosophischen Bemerkungen, die zum Teil seiner Zeit verhaftet und darum nicht mehr nachvollziehbar sind und zum Teil so dunkel und abstrakt formuliert, dass man ihren Sinn nur erahnen kann. Das allerdings gibt seinen Geschichten eine Tiefe, die sie auch wiederum interessant macht und die Zeit überdauern lässt.

In Forsters Indienroman ist schon die vordergründige Story rätselhaft. Adela Quested, eine junge Engländerin, besucht zusammen mit ihrer künftigen Schwiegermutter, Mrs Moore, ihren Verlobten in Tschandrapur, einem Ort in der Ganges-Ebene. Sie möchte das „wahre Indien“ kennenlernen, was zur Zeit des Kolonialismus (der Roman erschien 1924) nicht so leicht war. Durch Vermittlung eines sehr unkonventionellen Lehrers am örtlichen College macht sie die Bekanntschaft des indischen Arztes Dr. Aziz und des Brahmanen Professor Godbole. Dr. Aziz organisiert für die Gruppe mit großem Aufwand einen Ausflug zu den nahe gelegenen Marabar-Grotten. In einer dieser Grotten kommt es zu einem Vorfall, der bis zum Schluss nicht restlos aufgeklärt wird. Miss Quested rennt in Panik aus der Grotte, zieht sich dabei gefährliche Verletzungen zu und beschuldigt später Dr. Aziz der versuchten Vergewaltigung. Dr. Aziz wird verhaftet und muss sich vor Gericht verantworten. Dadurch brechen die unter der Oberfläche schwelenden Konflikte zwischen Indern und Engländern aus und es kommt zu Protesten und Aufruhr.

Doch das ist nur das grobe Skelett der Handlung. Forster wollte mit seinem Roman mehr ausdrücken als nur Kolonialismuskritik und Psychologie. Schon formal ist das Buch sehr kunstvoll aufgebaut. Seine drei Teile tragen die Titel Moschee, Grotten und Tempel und signalisieren damit einen religiös-spirituellen Anspruch.

Dr. Aziz, der Moslem, ist Protagonist des ersten Teils, der seinen Anfang mit einer Begegnung in einer Moschee nimmt. Im dritten Teil, der in einem der kleinen damals noch souveränen indischen Staaten spielt, lernen wir Indien bei einem hinduistischen Fest kennen. Hier begegnen wir erneut dem Hindu Professor Godbole. Das Zentrum des Romans bilden die Marabar-Grotten, die keiner bestimmten Religion zugeordnet sind, aber gewisse Parallelen zum Buddhismus aufweisen. Diese Grotten sind nicht besonders sehenswert, denn sie besitzen nur ein einziges auffälliges Merkmal: eine Art Echo, das durch jedes Geräusch in ihnen ausgelöst wird. Dieses Echo wiederholt jedoch nicht die gesprochenen Worte, sondern es ist immer gleich: ein dumpfes Dröhnen, das etwa „boum“ lautet.

Das Erleben dieses Echos führt bei Mrs Moore zu einer Veränderung ihrer Persönlichkeit. Zu Beginn des Romans haben wir sie als ausnehmend freundliche alte Dame kennengelernt, nun aber zieht sie sich von ihren Mitmenschen zurück, wird mürrisch und teilnahmslos und stirbt bald darauf. Auch auf Adela Quested hat der Aufenthalt in der Grotte eine verstörende Wirkung.

Die Marabar-Grotten haben ihr reales Vorbild in den Barabar-Höhlen im indischen Bundesstaat Bihar, von denen zumindest einige über einen ähnlichen Echo-Effekt verfügen sollen. Dieses quasi-religiöse Phänomen wirkt in Forsters Ausgestaltung in hohem Maße fatalistisch, fast nihilistisch. Wir haben keinen Einfluss auf das, was geschieht, lautet die Botschaft dieser Erfahrung, weder im Guten noch im Bösen. Egal, was wir tun, was wir denken, was wir sagen, die Antwort ist immer gleich: ein bedeutungsloses, verstörendes „boum“.

Forsters Romanhelden handeln dennoch moralisch, sie bemühen sich um Wahrhaftigkeit und darum, das Richtige zu tun. Aber während in einigen seiner frühen Werke am Ende – zumindest als Utopie – ein geglücktes Leben steht, fehlt solch ein Ausblick in diesem späteren Werk. Ganz besonders gilt das für das Verhältnis zwischen Indern und Engländern. Zwischen Herrschern und Beherrschten kann es keine Gemeinschaft geben, das wird am Schluss deutlich ausgesprochen. Das Erlebnis Indien hat wie ein Katalysator gewirkt. Man ist dadurch wirklich reicher an Erkenntnis geworden, aber diese Erkenntnis ist nichts Glückverheißendes.

Bildquelle: Anonym [Public domain], via Wikimedia Commons, {{PD-1923}}
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E. M. Forster, seine Romane und zwei wunderschöne Verfilmungen


E. M. Forster, porträtiert von Dora Carrington, 1924 – 25Kaum jemand aus der jüngeren Generation kennt noch die Romane von E. M. Forster, nicht einmal die Verfasser der einschlägigen Wikipedia-Artikel, die ganz ungewöhnlich mager ausgefallen sind. Eine Ausnahme macht nur Maurice, wegen des „skandalösen“ Themas: Das Buch handelt vom Coming-out eines Homosexuellen. Zur Zeit seiner Entstehung in den Jahren 1913/14 war das noch ein echter Schocker. Es wurde deshalb auch erst 1971 posthum veröffentlicht.

Forsters andere Romane waren in ihrer Zeit kaum weniger revolutionär, sind heute für junge Menschen jedoch nahezu unverständlich, weil sich die gesellschaftlichen Verhältnisse so grundlegend verändert haben. Denn in fast allen seinen Werken geht es um ein Coming-out im weiteren Sinne, um das Abstreifen erstarrter Konventionen, die heute nicht mehr existieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die englische Society noch stark von Prüderie, Klassenbewusstsein und festen Regeln geprägt. Das Aufbrechen dieser festgefahrenen Regeln und Lebensformen gelingt am ehesten im Ausland, vorzugsweise in Italien, dem Ziel der obligatorischen Bildungsreise für junge Leute der gehobenen Gesellschaft.

Die englische Society zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Der Roman Zimmer mit Aussicht beginnt mit einer Situation, deren Brisanz dem heutigen Leser verborgen bleibt: Die junge Lucy Honeychurch und ihre ältere Cousine Charlotte müssen bei ihrer Ankunft in einer italienischen Pension in Florenz feststellen, dass sie nicht die versprochenen Zimmer mit Aussicht auf den Arno bekommen haben, sondern Nordzimmer mit Blick auf einen Hinterhof. Zwei andere Gäste – Vater und Sohn – bieten ihnen einen Zimmertausch an und beweisen damit mangelndes Taktgefühl und schlechte Manieren. „Warum nur?“, fragt sich die Leserin von heute. Es scheint doch nur vernünftig, dass jemand, dem die Aussicht aus seinem Zimmer nichts bedeutet, damit einem anderen Gast, der sie gerne hätte, eine Freude bereitet.

Aber so einfach funktioniert die feine Gesellschaft nicht. Bei solch einem Angebot sind viele Nebenaspekte zu bedenken: Was will der Herr mit seiner Großzügigkeit in Wirklichkeit erreichen? Gehen die Damen, wenn sie das Angebot annehmen, damit nicht unausgesprochene Verpflichtungen ein? Schickt es sich für ein junges Mädchen, ein Zimmer zu beziehen, in dem noch eine halbe Stunde zuvor ein junger Mann gewohnt hat?

Obwohl all diese Überlegungen antiquiert erscheinen, hat die Geschichte nichts von ihrer Frische und Herzlichkeit verloren. Lucy, nach außen hin ganz die wohlerzogene Tochter aus viktorianischem Hause, lernt im Laufe des Romans, die Konventionen infrage zu stellen, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und findet so ihr Lebensglück.

Zwei unterschiedliche Ansichten

Zimmer mit Aussicht wurde zweimal verfilmt, 1985 und 2007. Die ältere Version hält sich strikt an die Buchvorlage, macht nur manches, was im Roman zart angedeutet wird, für heutige Zuschauer leichter verständlich. Italien wird schon im Vorspann lebendig durch sprechende Jugendstilbilder und begleitende Opernarien von Giacomo Puccini. Helena Bonham-Carter ist eine überzeugende Lucy Honeychurch: bildhübsch, naiv, etwas aufsässig.

Die zweite Version will es besser machen, sie geht über den Roman hinaus. Der erste Weltkrieg hat alles verändert, Lucy kehrt Jahre später zurück nach Florenz und erinnert sich … Diese Lucy wirkt auch als junges Mädchen schon viel emanzipierter, kritischer. Die zentrale Szene, ein „unerlaubter“ Kuss zwischen nur oberflächlich Bekannten, bei Forster wohl eher als flüchtiges Küsschen konzipiert, wird hier zu einer ausgedehnten Knutscherei. Gegen Ende des Films kommt noch eine ausgiebige Sexszene hinzu, die in der viktorianischen Gesellschaft nun wirklich nichts verloren hat. Diese Überverdeutlichung des bei Forster nur Angedeuteten wirkt ein wenig holzhammerhaft. Im älteren Film ist die Natur der Katalysator. Die Schönheit der toskanischen Landschaft, das Toben der Elemente stehen für menschliche Leidenschaften und bringen diese an die Oberfläche. Eine Badeszene, nur eine ausgelassene Spielerei in aller Unschuld, überlässt es dem Zuschauer, weitere Fäden zu spinnen. Der zweite Film nimmt ihm diese Freiheit. Es ist kein schlechter Film, aber er ist ein wenig eindimensional, obwohl er weitere Möglichkeiten andeutet.

Einst verboten, heute Kult

Die andere wunderschöne Literaturverfilmung ist Maurice. Die beiden Freunde Clive und Maurice, die der Film von ihren College-Jahren bis ins Erwachsenenalter begleitet, entwickeln sich in unterschiedlicher Richtung. Clive, der sich schon früh seiner Homosexualität bewusst war, arrangiert sich später mit der Gesellschaft, heiratet eine Frau und führt das Leben, das von ihm erwartet wird. Maurice entdeckt erst durch die Freundschaft mit Clive sein Interesse an Männern, allerdings kommt es nie zum Sex zwischen ihnen. Nach dem Ende der Beziehung zu Clive beginnt er ein Verhältnis mit dessen Wildhüter Alec. Das ist ein doppelter Skandal, denn zusätzlich zur damals noch strafbaren Homosexualität werden hier auch noch die Klassenschranken durchbrochen. Das Happy End – der Entschluss der beiden, fortan zusammenzuleben – ist eher als Utopie zu verstehen. Forster war selbst homosexuell und kannte die Probleme, die das mit sich brachte.

Wie schon die ältere Adaption von Zimmer mit Aussicht zeichnet auch diesen Film die ganzheitliche Betrachtung der Sexualität aus. Keine Szene wirkt voyeuristisch. Obwohl die Akzeptanz unterdrückter Gefühle und Triebe das zentrale Thema darstellt, ist Sex hier kein Selbstzweck, sondern stets eingebettet in Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Er ist Teil der menschlichen Natur, jedoch von der Gesellschaft geächtet. Bildhaft zusammengefasst wird das in der Schlussszene, in der Clive nach einem letzten Gespräch mit Maurice, in dem er von dessen Verhältnis zu Alec erfuhr, ganz langsam alle Fenster seines Hauses schließt, während Maurice draußen in der Dunkelheit des abendlichen Parks verschwindet.

Bildquelle: By Dora Carrington (1893 – 1932) [Public domain], via Wikimedia Commons, {{PD-1923}}
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