Manchmal lese ich auch Thriller. Zum Beispiel ‚Origin‘ von Dan Brown

Achtung: Hier wird gnadenlos gespoilert. Also bitte erst lesen, wenn ihr Origin schon kennt!

Viele Jahre habe ich ihn ignoriert. Aber irgendwann wurde mir die Zeit beim Warten auf ein anderes Buch, das ich eigentlich lesen wollte, zu lang, und da habe ich aus lauter Verzweiflung zu Dan Brown gegriffen. Außerdem ist es ja auch immer interessant herauszufinden, warum alle Leute das lesen.

Nun ja, spannend war mein erster Versuch mit ihm: Illuminati. So spannend, dass ich danach auch alles andere von ihm gelesen habe, ob mit oder ohne Robert Langdon. Neben einer kulturhistorischen Schnitzeljagd findet man da auch immer wieder ein paar überraschende Erkenntnisse.

Kein typischer Thriller – auf den ersten Blick

Der letzte Band nun, Origin, ist etwas anders, zugegebenermaßen ein wenig enttäuschend. Mehr Wissenschaft als Thriller und lange nicht so spektakulär, wie man zunächst erwartet. Vielleicht ticken amerikanische Leser ja anders, aber mal im Ernst: Wer hat denn geglaubt, dass sich das Leben etwa nicht spontan entwickelt hat? Und wer ist überrascht darüber, dass es Adam und Eva ebenso wie allerlei bärtige alte Männer namens Gott nicht wirklich gegeben hat? Das dürfte doch wohl eine sehr kleine Minderheit von erzkonservativen und ignoranten Sektierern sein und nicht das aufgeklärte bestsellerverschlingende Massenpublikum von heute. Wer heute überhaupt noch Bücher liest, hat im Allgemeinen genügend Bildungshintergrund, um über Edmond Kirschs alltagstauglich im Stil einer Fernsehdoku aufbereitete Erkenntnisse alles andere als überrascht zu sein. Die Überraschung liegt woanders.

Sie liegt auch nicht in dem deutlich ausgesprochenen Gedanken, dass die Frage nach Gott durch den Nachweis der spontanen Entstehung des Lebens gar nicht beantwortet wird und Robert Langdon sich gegen Ende des Romans als eher proreligiös outet. Die Brisanz liegt im aufgegriffenen wissenschaftlichen Thema selbst.

Evolution und Ethik

Ein wenig deutete sich dieser Trend schon im letzten Robert-Langdon-Band, Inferno, an. Dort war es einem „verrückten“ Wissenschaftler gelungen, ein Virus freizusetzen, das die Fruchtbarkeit der Menschen beschränken und damit die drohende Bevölkerungsexplosion aufhalten sollte. Eigentlich gar keine schlechte Idee, wie ich in einer anderen Rezension lesen durfte.

Letzte Warnung: SPOILER ~ SPOILER ~ SPOILER ~ SPOILER ~ SPOILER

In Origin geht es um künstliche Intelligenz. Nicht nur, dass sich Roberts Verbündeter Winston als außerordentlich weit entwickeltes und fast menschenähnliches Computerprogramm erweist, auch in Edmond Kirschs Wissenschaftsdoku wird eine zukünftige Welt beschworen, die von technisch so aufgepeppten Menschen beherrscht wird, dass es sich eher um eine Art Mischwesen, somit eine neue Spezies, handelt.

Aber wie sieht diese neue Welt aus? Eine der Überraschungen und vordergründigen Enttäuschungen des Romans liegt darin, dass es keinen Bösewicht gibt. In altbekannter Manier erscheinen verschiedene angesehene Personen zunächst höchst verdächtig, und man weiß ja aus früheren Büchern Dan Browns, dass sich meist ein Mitglied des innersten Freundeskreises als skrupelloser Killer entpuppt. In Origin ist es anders. Alle Verdachtsmomente lösen sich in Luft auf und Edmond Kirschs Ermordung erscheint angesichts seiner tödlichen Erkrankung und ihrer medienwirksamen Nebeneffekte eher als Segen. In Szene gesetzt hat sie denn auch sein bester „Freund“, Winston. Die Implikationen dieser Auflösung des Rätsels werden jedoch nicht direkt ausgesprochen, da muss der Leser selbst drauf kommen.

Eine Maschine kennt keine Moral

Was hat Winston wirklich getan? Er hat einen anfälligen Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als Killer engagiert, der im Verlauf der Unternehmung selbst umkommt. Er hat diesen Killer auf die Spur von Robert Langdon und seiner Begleiterin gesetzt, die dabei beinah auch ums Leben gekommen wären. Das lag zwar nicht in Winstons Absicht, aber er hätte es zweifellos als bedauerlichen Kollateralschaden verbucht. War Winston auch für die Ermordung von Rabbi Köves und Allamah Syed al-Fadl verantwortlich? Das Buch ist hier nicht ganz deutlich, aber wer sollte es sonst sein? Also zumindest zwei unschuldige und ein etwas zwielichtiger Toter (abgesehen von seinem Erfinder Edmond Kirsch), die auf Winstons Konto gehen. Dazu kommt der Selbstmord von Bischof Valdespino, der unter anderem mit seiner Rufschädigung zusammenhängt, für die Winston ebenfalls verantwortlich ist. Dieses Computerprogramm hat wirklich alles, einschließlich der Ermordung seines Auftraggebers, unternommen, um seine Aufgabe zu erfüllen: die größtmögliche Zuschauerzahl für Edmonds Präsentation zu erreichen. Könnte man da von einer wild gewordenen Maschine sprechen?

Fragen über Fragen

Im Rückblick habe ich den Eindruck, dass das Buch noch nicht ganz fertig ist, vielleicht war Dan Brown in Zeitdruck. Denn es bleiben einige unbeantwortete Fragen, und die „Botschaft“ des Romans ist ziemlich versteckt. Neben der offen gelassenen Frage nach dem Mörder der beiden Geistlichen (und dem warnenden Telefonanruf) wird auch nicht erklärt, warum und auf wessen Anordnung der Direktor des Barcelona Supercomputing Center, der Erbe der Supermaschine, das System nun herunterfahren soll. An Winston kann es nicht liegen, der hat sich schließlich schon auftragsgemäß selbst zerstört. War da vielleicht doch jemand der Meinung, dass eine zu weit entwickelte künstliche Intelligenz uns gefährlich werden könnte?

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
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