Kurz und dumm

Buchstaben und Sätze
Was man mit der Sprache machen kann

Wie man als Texter schreiben soll, ist klar definiert. Man kann es überall im Internet nachlesen. Die Ratschläge sind immer dieselben: Kurze Sätze. Höchstens einen Nebensatz. Keine Fremdwörter. Einfach und verständlich. Wer will, kann auch noch die Anzahl der Wörter im Satz und die Wortlänge optimieren. Oft wiederholtes Bonmot: Der Texter soll sich beim Schreiben anstrengen, nicht der Leser beim Lesen.

Früher war das anders. Da lernte man im Deutschunterricht, Texte zu analysieren. Kurze und längere. Einfache und schwierige. Werbetexte und Romane. Dramen und Gedichte. Wie man gut schreibt, lernte man nicht. Wie Aufsätze benotet wurden, blieb mir immer ein Rätsel. Wir sollten einmal einen Brief schreiben. (Damals gab es noch kein Internet und keine E-Mail.) Also schrieb ich so, wie ich auch im wirklichen Leben an meine Schulfreundinnen geschrieben hätte. Eine dieser Freundinnen schrieb einen Brief, den wir alle langweilig fanden. Sie bekam eine Zwei, ich eine Vier.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel:

Ich sitze im Zug. Die Sonne knallt durchs Fenster. Ich schwitze. Eine Gruppe von Fußballfans brüllt rum und singt. Sie trinken Dosenbier. Der Zug ist voll besetzt. Ich sitze oben auf einem Fensterplatz. Aber der vordere Teil ist durch die Trennwand zwischen den Fenstern verdeckt. Um hinauszusehen, muss ich den Kopf zur Seite drehen. Das nervt. Außerdem blendet die Sonne. Ich hatte mich darauf gefreut, an der Mosel entlangzufahren. Aber bei dem Gekreische und Gebrülle und der Radiomusik kann ich die Fahrt nicht genießen.

Das ist kurz, aber nicht gut. Texte dieser Art nerven mich fast genauso sehr wie brüllende Fußballfans. Ich frage mich dann immer, ob die Leute nicht mehr denken können. Oder ob ihnen durch die Simplifizierung der Sprache das Denken systematisch abgewöhnt werden soll. Ja, ich weiß, statt „Simplifizierung“ hätte ich „Vereinfachung“ schreiben sollen.

Die Struktur der Sätze spiegelt die Struktur der Gedanken wider. Im obigen Text stehen alle Beobachtungen und Ereignisse scheinbar gleichberechtigt nebeneinander. In meinem Empfinden sind sie aber nicht gleichberechtigt. Indem ich Nebensätze bilde, ordne ich Beobachtungen und Ereignisse in einer bestimmten Rangfolge an.

Ein neuer Versuch:

Im Zug von Trier nach Koblenz, Samstagmorgen. Der Anblick der an meinem Fenster vorbeifließenden Mosel, der sonst eine zugleich erfrischende wie meditative Wirkung auf mich ausübt, wird überlagert vom Gebrüll und Gegröle einer Gruppe von Fußballfans, die den vorderen Teil des Wagens okkupiert haben. Sie scheinen jetzt schon leicht besoffen zu sein, obwohl ich nur hier und da eine Bierdose sehe. Wie soll das bis heute Abend werden? Ihr Geschrei wird immer lauter, zuerst war es noch eine Art Lied, jetzt beschränkt es sich auf „Olé, olé“, untermalt von Radiomusik. Sie sind die Herren des Zuges. Niemand wagt Einspruch zu erheben, auch nicht der Fahrkartenkontrolleur. Es hätte auch keinen Sinn. Sie sind in der Mehrheit, der Stärkere siegt.

Ich hatte mich auf diese Fahrt gefreut. An der Mosel fahre ich immer gern entlang, und heute scheint die Sonne, die Bäume am Ufer sind grün … Aber es fing schon nicht so gut an. Der Zug ist überfüllt, ich muss froh sein, überhaupt einen Platz ergattert zu haben, sogar einen Fensterplatz. Allerdings ist der vordere Teil von der Zugwand verdeckt, und von hinten brennt die Sonne auf meinen Nacken. Deshalb hat die Dame neben mir wohl den Platz am Gang vorgezogen. Ich habe noch einen langen Tag vor mir, erst heute Abend um acht werde ich wieder zu Hause sein. Ein Großteil meiner Energie ist jetzt schon flöten gegangen. Ich versuche aus dem vielen Grün draußen und dem Anblick des fließenden Wassers ein wenig davon zurückzuerlangen. Da scheppert es neben mir, irgendjemand hat das Sonnenrollo halb heruntergezogen. Jetzt sehe ich draußen gar nichts mehr und bin wehrlos der grölenden Fußballhorde ausgeliefert.

Zu ausführlich? Vielleicht, aber sicher nicht unverständlich, obwohl da lange Satzreihen und Konstruktionen mit mehreren Nebensätzen drin sind. Zum Atemholen aber auch immer wieder mal ein kurzer Einschub. Abwechslung wirkt weniger ermüdend als eintöniges Einerlei. Wichtiger als die Länge eines Satzes sind die Anordnung der Wörter und ihre Betonung. Ein Text, der nur aus Bandwurmsätzen, möglichst noch mit vielen komplizierten Ausdrücken, besteht, ist eine Zumutung, das ist schon richtig. Aber der abgehackte Stakkato-Stil, der nur aus Sätzen mit höchstens 14 Wörtern besteht, kann auch nicht die Lösung sein. Der Autor erzieht durch seinen Stil schließlich auch seine Leser. Fähigkeiten, die nicht gefordert werden, verkümmern mit der Zeit. Wenn wir also immer nur kurze, einfache Sätze mit höchstens einem Nebensatz schreiben, wird irgendwann tatsächlich niemand mehr in der Lage sein, einen etwas anspruchsvolleren Text zu verstehen.

Bildquelle: Gerd Altmann

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.

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