Harry Potter und die Gelddruckmaschine

Harry Potter und das verwunschene Kind – eine Abrechnung

„Es liest sich wie eine schlechte Fanfiction.“ Das ist der Tenor der vergleichsweise wenigen kritischen Lesermeinungen. Gegenüber dem allgemeinen Jubelgeschrei sind sie in der Minderheit. Dass bei manchen Hardcore-Fans das kritische Denkvermögen immer noch aussetzt, wenn irgendwo Harry Potter draufsteht, ist vielleicht nicht so verwunderlich. Dass aber auch Rezensenten der großen Tages- und Wochenzeitungen in den allgemeinen Jubel einstimmen, finde ich denn doch erstaunlich. Es ist eigentlich nur dadurch zu erklären, dass sie die originalen Harry-Potter-Bände nicht kennen und daher gar nicht vergleichen können. Denn was hier geboten wird, ist wirklich nur ein dünner Abklatsch. Es liest sich nicht einmal wie eine schlechte Fanfiction, sondern wie eine sehr schlechte Fanfiction.

Fantasy auf der Theaterbühne – kann das funktionieren?

Was J. K. Rowlings siebenbändiges Mammutwerk lesenswert und zum Kultobjekt macht, ist nicht in erster Linie der Plot, sondern die fantasievolle Ausgestaltung. Der Plot ist schnell erzählt: Gut gegen Böse, der Böse wurde fast ausgeschaltet, aber eben nur fast. Nun ist er wieder auf dem Vormarsch und muss mit allen Mitteln gestoppt werden. Die Situation wird von Band zu Band gefährlicher, bis es dem Helden dann im siebten Band mit Hilfe der vereinigten Liga der Guten gelingt, die aussichtslos scheinende Lage zu wenden. Seitdem herrscht Friede in der Zaubererwelt.

Aber was bis dahin alles geschieht und vor allem, wie es erzählt wird, macht die eigentliche Faszination der Bücher aus. Rowlings Verdienst ist die Kreation einer magischen Welt mit liebenswerten Personen, die in jedem Band durch neue Mitspieler, Fabelwesen, Zaubersprüche und Artefakte erweitert wird. Über den in sich abgeschlossenen Rätseln und den verschlungenen Wegen zu ihrer Auflösung in den einzelnen Bänden erhebt sich der Spannungsbogen der Gesamtstory, der die Potter-Fans über Jahre bei der Stange gehalten, zu Spekulationen und eigenen Fortsetzungen oder Alternativerzählungen angeregt hat. Das sind Fanfictions. Die besten darunter sind eine gelungene Mischung aus Potter-Universum und Eigenschöpfungen der Fanfiction-Autoren.

harry-potter-world-1788999_640Wie kann ein Original schlechter sein als Fanfiction?

Eins der Probleme des verwunschenen Kindes besteht darin, dass es eben keine Fanfiction ist. Man spürt sehr deutlich, dass Rowling, wenn sie schon nicht ihre Finger drin hatte, so doch eifersüchtig über ihr Universum gewacht hat. So etwas lähmt jeden Autor. In diesem Skript gibt es nichts Neues. Harry Potter und das verwunschene Kind besteht zu großen Teilen aus Wiederholungen bereits bekannter Handlungsabläufe mit bekannten Personen, die allerdings oft zu Schatten ihrer selbst mutieren. Zu viele Selbstplagiate führen zu Gereiztheit beim Leser, selbst wenn das Original noch so mitreißend war. Dazu kommt, dass die Wiederholungen zu wenig Raum zur Entfaltung haben, denn es muss ja alles auf Theaterformat zurechtgestutzt werden. Das passt nicht zum Genre Fantasy, das doch zu drei Vierteln im Eintauchen in eine fremde Welt besteht und nur zum restlichen Teil im Fortschreiten der Handlung.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern – so war das früher auch bei Rowling

Und welche Handlung! Ich verrate ja kein großes Geheimnis, wenn ich erwähne, dass es um Zeitreisen geht, und das gleich in wiederholter Form. Alle Absurditäten, die Zeitreisen so mit sich bringen, werden hier genüsslich ausgewalzt, allerdings ohne sie als absurd zu kennzeichnen. Daraus entsteht ein steriles Durchspielen alternativer Storylines, das nur zu einem einzigen Ergebnis führen kann: So, wie J. K. Rowling die Geschichte ursprünglich erzählt hat, war es doch am besten. Aber warum eigentlich?

Alles war gut.

Können wir uns wirklich keine Welt vorstellen, die besser ist als die Gegenwart? Gibt es ein Gesetz, das besagt, dass Eingriffe in die Vergangenheit die Gegenwart immer zum Schlechteren verändern müssen? Ich jedenfalls kenne kein solches Gesetz und es fällt mir leicht, mir bessere Zustände vorzustellen als die realen. Dieses Skript, das schlechter ist als schlechte Fanfiction, ist im Endeffekt nichts weiter als eine Hymne auf die ersten sieben Bände. Es ist der ultimative „Beweis“, dass es keine bessere Welt geben kann als die von J. K. Rowling erdachte.

Liebe Frau Rowling, wozu brauchen Sie diesen Beweis? Ist der Riesenerfolg Ihrer Bücher denn immer noch nicht genug? Wenn es zu Harry Potter nichts Neues zu sagen gibt, warum schweigen Sie dann nicht einfach? Widmen Sie sich doch lieber Ihrer Krimireihe oder erfinden Sie eine neue Geschichte! Mit Selbstbeweihräucherung tut man sich selten einen Gefallen. Und dass Sie so dringend Geld brauchen, dass Sie eine Maschine in Gang setzen müssen, die garantiert funktioniert, kann doch eigentlich auch nicht sein, oder?

Bildquelle: https://pixabay.com/de/harry-potter-welt-universal-orlando-1788999/

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.

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