Gestern war heute, ist heute gestern?

Richtig oder falsch?Über eine Absurdität im journalistischen Stil

Im Redaktionsbüro einer Tageszeitung spielt sich ein alltägliches Drama ab. Der Redakteur hat einen klasse Text abgeliefert. Einen Aufmacher über einen hochbrisanten Prozess, frisch aus dem Gerichtssaal. Der Artikel ist gespickt mit satirischen Seitenhieben und gnadenlosen Tiefschlägen. Stunden hat der Verfasser über dem Text gebrütet, hat an seinen Formulierungen geschliffen, hier ein wenig gefeilt, dort ein kleines Ornament angebracht. Unzählige Male hat er sein Werk gelesen, hat nicht mit Selbstkritik gespart, bis er es endlich aus der Hand gab.

Und die Mühe war nicht umsonst. Der Korrektor findet nur zwei winzig kleine Fehlerchen. Irgendwo fehlt ein n, dafür ist an anderer Stelle ein Komma zu viel. Nun gut, das lässt sich verkraften. Einen Artikel zu schreiben, an dem dieser Erbsenzähler überhaupt nichts auszusetzen hat, das bringt kaum jemand fertig. Aber was ist das? Da hat dieser hochnäsige Ignorant doch tatsächlich zwei Wörter gelb markiert und an den Rand geschrieben: „„Passt nicht.““ Was soll da nicht passen? In meinem Artikel passt alles. Du verstehst wahrscheinlich nur nicht, wie das gemeint ist, du Korinthenkacker!

Im Vollgefühl seiner intellektuellen Überlegenheit stürmt der Redakteur zum Korrekturtisch und fragt mit schneidend scharfer Stimme, gewürzt mit einem Hauch von Ironie: „„Hätten Sie vielleicht die Güte, mir zu erklären, was Ihnen an meinem Artikel nicht passt? Aus Ihrer Anmerkung geht das leider nicht hervor.““

Der Korrektor hebt sein gebeugtes Haupt vom vor ihm liegenden Blatt, wirft einen kurzen Blick auf die Markierung und antwortet gelangweilt: „“Ist doch klar. Sie schreiben: ‚Gestern sitzt der Angeklagte anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank und blättert in einem Aktenordner.’‘ Verstehen Sie? ‚Gestern sitzt …‘ …‘ Gestern und Präsens. Das geht nicht. Nach gestern muss eine Vergangenheitsform kommen.““

„“Das zeigt mal wieder, dass Sie vom Journalismus keine blasse Ahnung haben. Das ist ein Feature, da schreibt man grundsätzlich in der Gegenwart. Wir wollen ja schließlich aktuell sein. Was gestern war, interessiert die Leute nicht.““

„“Das ist mir schon klar. Ich hab das Präsens an sich ja auch gar nicht bemängelt. Aber hier an dieser Stelle passt es halt so nicht. Vielleicht können Sie einen Einleitungssatz in der Vergangenheitsform schreiben, aus dem hervorgeht, dass das Ganze gestern stattfand. Oder Sie ersetzen gestern durch etwas anderes.““

„“Hören Sie mal, ich hab mir genau überlegt, wie ich meinen Artikel schreibe. Ein Einleitungssatz passt da nicht hin. (Außerdem haben wir auch gar nicht genügend Platz dafür.) Der Leser soll den Eindruck gewinnen, direkt am Ort des Geschehens zu sein. Einleitungssätze stören da nur.““

„“Gestern und Präsens stört aber auch. Was gestern war, ist nun mal nicht heute. Denken Sie wirklich, die Leser merken das nicht?““

Schließlich einigen sich Redakteur und Korrektor auf eine maßvolle Modifikation des Satzes. Gestern wird ersetzt durch den Ausdruck Zu Prozessbeginn.

Der Korrektor ist überglücklich über den errungenen Sieg und geht im Bewusstsein nach Hause, etwas Gutes getan zu haben. Er recherchiert noch ein paar Stunden im Internet über eine andere Streitfrage, schlingt nebenbei ein paar Happen hinunter und fällt schließlich in den frühen Morgenstunden todmüde ins Bett. Der neue Tag kann kommen!

Aber dann geschieht Folgendes:

Irgendwann gegen Mittag wacht der Siegreiche auf und dämmert im Halbschlaf noch ein wenig vor sich hin. Textfetzen und Zeitungsfloskeln schwirren ihm durchs Hirn, Angeklagte sitzen anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank, nicht nur heute, auch gestern sitzen sie schon da. Halt! „„Auch gestern sitzt der Angeklagte wie immer anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank.““ Der Satz geht ihm runter wie Butter, nichts stört ihn daran. Was ist passiert? Hat sein Sprachgefühl sich breitschlagen lassen? Ist er zum Schluss doch noch der Übermacht der skrupellosen Schnellschreiber erlegen? Eine ernste Identitätskrise deutet sich an.

Der Korrektor lässt sich den Satz auf der Zunge zergehen, nimmt ihn mit unter die Dusche, wo ihm schon so manche Erleuchtung zuteilwurde, fragt sich, was sich in seinem Leben seit gestern verändert hat. War er zu pingelig? Hat er gar einen hervorragenden Zeitungsartikel verschandelt, nur weil er nicht imstande war zu begreifen, wie journalistischer Stil funktioniert? Das täte ihm leid. Vor allem wäre es auch peinlich, denn so egomanisch ist er nicht, dass er auf etwas Falschem bestehen würde, nur um sein Gesicht zu wahren.

Doch die Lösung des Rätsels ergibt sich, während er damit beschäftigt ist, sein Butterbrot für den Nachmittag zu schmieren. Es sind ja gar nicht dieselben Sätze!

  • Gestern sitzt der Angeklagte anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank und blättert in einem Aktenordner.
  • Auch gestern sitzt der Angeklagte wie immer anscheinend unbeteiligt auf der Anklagebank.

Zwischen gestern und auch gestern ist anscheinend ein gewaltiger Unterschied. Ein Wort am Satzanfang ist häufig stark betont, da kann man seine Bedeutung nicht so einfach ignorieren. Wenn gestern betont ist, weil es am Satzanfang steht, nimmt man beim Lesen den zeitlichen Aspekt des Wortes wahr. Folgt darauf dann ein Verb im Präsens, wirkt das falsch (was es ja auch ist). Vergangenheit und Gegenwart prallen aufeinander und bringen im Geist des Lesers die Fensterscheiben zum Klirren.

Versteckt sich gestern dagegen zwischen anderen Wörtern, die die Aufmerksamkeit stärker auf sich ziehen, ist seine Bedeutung nicht mehr so entscheidend. Seine Funktion besteht dann eher darin, dem Satz einen eingängigen Rhythmus und eine hübsche Melodie zu verleihen. Auch gestern, wie immer, na ja, das kennt man ja schon: Dieser Angeklagte, immer sitzt er anscheinend so unbeteiligt da. Immer, nicht nur gestern. (Natürlich auch gestern, wie immer eben, das ist selbstverständlich, da achtet man dann nicht mehr drauf.)

Bildquelle: Gerd Altmann

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
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