Gerta Ital, eine Mystikerin des 20. Jahrhunderts

StufenEs gibt Bücher, die begleiten einen ein ganzes Leben lang. Für mich zählt Gerta Itals Der Meister, die Mönche und ich dazu. Ich bin immer erstaunt, wenn ich von anderen höre, dass sie mit diesem Buch nichts anfangen können, oder wenn ich Rezensionen im Internet lese, die von Verständnisschwierigkeiten berichten. Es liest sich doch so leicht!

Gerta Ital wurde am 7. Juli 1904 geboren, war zunächst Schauspielerin und Sängerin, musste diesen Beruf jedoch schon früh wegen einer Erkrankung aufgeben. Sie praktizierte intensiv Yoga und Meditation und wurde mit mehreren spirituellen Erfahrungen beschenkt, von denen sie in ihrem zweiten Buch Auf dem Wege zu Satori berichtet. Durch den Jesuitenpater Enomiya-Lassalle (Autor des Buches Zen, Weg zur Erleuchtung) und Eugen Herrigel (Zen in der Kunst des Bogenschießens) kam sie mit dem japanischen Zen-Buddhismus in Berührung. 1963 unternahm sie die erste von zwei Reisen nach Japan und verbrachte dort fünf Monate in einem Zen-Kloster. Das war damals noch ein echtes Abenteuer, zumal für eine nicht mehr junge Frau aus dem Westen.

Der Meister, die Mönche und ich beschäftigt sich hauptsächlich mit Gerta Itals Erlebnissen während ihres Aufenthalts im Kloster, aber auch mit den Schwierigkeiten, die ihr auf ihrer Reise begegneten, bis es ihr überhaupt gelang, dort aufgenommen zu werden. Natürlich berichtet sie von ihren Erfahrungen während der Meditation, aber das fast nur am Rande. Das Buch ist in erster Linie ein Reisebericht, sowohl im ganz profanen geografischen als auch im übertragenen Sinne einer Reise zu sich selbst.

Man muss nicht religiös oder besonders an Zen interessiert sein, um Gewinn aus diesem Buch zu ziehen. Was mich vor allem beeindruckt, ist die Konsequenz, mit der hier jemand ein Ziel verfolgt, allen Hindernissen zum Trotz seinen Weg geht und sich weder von Krankheit, Geldmangel, organisatorischen Problemen oder der Skepsis seiner Mitmenschen davon abbringen lässt. Gerta Ital fuhr fast ins Blaue hinein nach Japan, sie hatte nur ein, zwei Adressen von sehr flüchtigen Bekannten und keinerlei konkrete Zusagen für einen längeren Aufenthalt. Alles wurde erst vor Ort geregelt und sie durchlief mehrere Stationen, bis sie den Tempel ihres Meisters in Kobe fand.

Auch dort war nicht alles eitel Sonnenschein. Als ungeliebter Fremdkörper wurde sie das Opfer von Intrigen und hatte auch ihrerseits Verständnisprobleme mit der japanischen Mentalität. All das berichtet sie anschaulich und ausführlich, sodass das Buch niemals trocken und zu theoretisch wird. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung war der Begriff Zen noch nicht Bestandteil der Alltagssprache, Gerta Ital schrieb daher für ein unvorbelastetes Publikum.

Vielleicht rührt die Befremdung, mit der viele auf dieses Buch reagieren, von der Kompromisslosigkeit her, mit der die Autorin ihren Weg verfolgte. Mit einem Wochenendseminar à la „Mit Zen dem Alltagsstress entfliehen“ oder einem Volkshochschulkurs über „Yoga für Berufstätige“ hat diese Suche nach Erleuchtung nichts zu tun. Es geht hier nicht um Sichwohlfühlen, sondern um Erkenntnis. In diesem Sinne kann Erleuchtung niemals ein Massenphänomen werden, sondern ist immer nur Einzelnen vorbehalten. Gerta Ital starb am 21. Juli 1988.

Bildquelle: Andrea Damm / pixelio.de

Über Federspiel

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