Gedanken zum ‚Herrn der Ringe‘


Der Eine Ring

 

Ein Roman, der von einer ganzen Nation zum Buch des Jahrhunderts gewählt wird und auch in mehreren anderen Umfragen den ersten Platz einnimmt, muss über Qualitäten verfügen, die über Fantasy und Abenteuer hinausgehen. Stellt man sich jedoch die Frage, was eigentlich das Außergewöhnliche am Herrn der Ringe ist, so fällt die Antwort nicht leicht.

Eine allegorische Deutung seines Romans lehnte Tolkien bekanntermaßen ab:

Was die tiefere Bedeutung oder „Botschaft“ des Buches angeht, so hat es nach Absicht des Autors keine. Es ist weder allegorisch, noch hat es irgendeinen aktuellen Bezug.

Liest man jedoch Tolkiens Vorwort zur Ausgabe von 1966, aus dem diese Zeilen stammen, vollständig, so wird klar, dass er den Begriff „allegorisch“ vor allem politisch verstanden wissen wollte. Es lag ihm daran, seinen Roman vom Geschehen des Zweiten Weltkriegs abzugrenzen.

In Gegensatz zur Allegorie stellt Tolkien die „Anwendbarkeit“:

Geschichte, ob wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit im Denken und Erleben des Lesers ist mir viel lieber. Ich glaube, dass „Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“ oft verwechselt wird; doch liegt die eine im freien Ermessen des Lesers, während die andere von der Absicht des Autors beherrscht wird.

Bezüge zu unserem eigenen Leben herstellen und Lehren aus dem Buch ziehen dürfen wir also.

Versuchen wir einmal, ganz unbefangen an die Geschichte heranzugehen. Die Figur, die am ehesten zur Identifikation einlädt, ist Frodo. Und wer ist Frodo? Ein Angehöriger des „kleinen“ Volkes, der Halblinge oder Hobbits. Ein Volk, das es gern bequem, warm und gemütlich hat, das gern gut isst und alle Aufregung scheut. Kurz gesagt, ein Volk von Spießbürgern ohne jede Auffälligkeit. So unauffällig, dass man es glatt übersehen könnte. Noch kürzer gesagt, Hobbits sind wir alle.

Frodo, dieser Mensch im Miniaturformat, dieser Mensch wie du und ich, hat nun eine Aufgabe übernommen, die seine Kräfte übersteigt. Er muss den Einen Ring vernichten, um die Welt zu retten.

Auf seinem Weg zur Erfüllung dieser Aufgabe erhält er alle Hilfe, die er sich nur wünschen kann: eine erstklassige Ausrüstung, mächtige Gefährten, einen Führer, der ihm den Weg weist, einen Kumpel, der ihn sogar den Berg hinaufträgt, als er es selbst nicht mehr schafft. Nur den allerletzten Schritt zur Vernichtung des Rings muss er selbst tun, und gerade hier scheitert er. Dass der Ring trotzdem zerstört wird, ist Zufall, Vorsehung oder Gnade, wie man will.

Wie lässt sich nun diese Geschichte auf das eigene Leben anwenden?

Es wird oft versucht, den Roman im christlichen Sinne zu deuten. Aber ganz abgesehen davon, dass auch das allegorisch wäre, stimmen die Parallelen nicht so ganz. Frodo ist keine Jesus-Figur. Zwar nimmt er eine große Last auf sich, um andere zu retten, aber er scheitert ja an der Erfüllung seiner Aufgabe. Frodo ist ein Mensch wie wir alle, ohne herausragende Fähigkeiten. Er füllt nur den Platz aus, den die Vorsehung oder das Weltgeschehen oder was auch immer ihm zugedacht hat. Er tut das, so gut er kann, und doch ist es nicht genug.

Mit einem Frodo-Jesus könnte sich niemand identifizieren. Aber Frodo, so, wie er ist, das bin auch ich, das bist auch du. Und etwas von Frodos Aufgabe finden wohl auch diejenigen in sich, die den Herrn der Ringe so über alles lieben.

Das bedeutet, dass wir alle einen Ring vernichten müssen. Einen Ring, der uns zum Bösen verführt und dadurch versklavt. Das Böse bei Tolkien, das ist das Streben nach absoluter Macht über andere, Herrschsucht, Ichsucht, Unterdrückung, Ausbeutung, Unfreiheit, Tod. Auch wer den Ring, also das Böse, nur zum Besten seines Volkes benutzen will wie Boromir, verfällt ihm. Jeder, der ihn besitzt und benutzt, verfällt ihm. Und da wir, wenn wir der Geschichte folgen, alle so einen Ring besitzen, sind wir alle stets der Versuchung ausgesetzt, ihn zu benutzen und ihm zu verfallen.

Der Kampf um und mit dem Ring wird heute nicht mehr mit Schwertern und in offener Schlacht ausgetragen. Es geht viel subtiler zu, Tag für Tag. Politiker, die Gesetze erlassen, um sich selbst und Konzernchefs zu bereichern, einen großen Teil der Menschen, über die sie bestimmen, aber dazu zwingen, für einen Lohn zu arbeiten, von dem sie nicht leben können. Firmenbosse, die das Letzte aus ihren Untergebenen herauspressen und sie entsorgen, wenn sie ausgedient haben. Aber auch Nachbarn, die Nacht für Nacht laute Partys feiern und ihren Mitmenschen das Leben zur Hölle machen. Jugendliche, die andere ausgrenzen und im Internet verfolgen. Kollegen, die ihren Arbeitsplatz sichern, indem sie andere verleumden und mobben.

Das sind nur einige der krassesten Beispiele. Auch in Kleinigkeiten im täglichen Leben zeigt sich der Einfluss des Einen Rings. Niemand ist frei davon. Jeder, der über sein Leben nachdenkt, wird Situationen entdecken, in denen er falsch gehandelt hat, sei es ganz bewusst oder nur aus Gedankenlosigkeit. Wiedergutmachen lässt sich das selten. Alles, was wir tun können, ist, uns über die Motive unserer Handlungen Klarheit zu verschaffen und zu versuchen, es heute und in Zukunft besser zu machen. Vernichten lässt sich der Ring durch menschliche Kraft nicht. Dazu bedarf es der Gnade.

Bildquelle: Martin Str / pixabay.com

Über Federspiel

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