E. M. Forster, seine Romane und zwei wunderschöne Verfilmungen


E. M. Forster, porträtiert von Dora Carrington, 1924 – 25Kaum jemand aus der jüngeren Generation kennt noch die Romane von E. M. Forster, nicht einmal die Verfasser der einschlägigen Wikipedia-Artikel, die ganz ungewöhnlich mager ausgefallen sind. Eine Ausnahme macht nur Maurice, wegen des „skandalösen“ Themas: Das Buch handelt vom Coming-out eines Homosexuellen. Zur Zeit seiner Entstehung in den Jahren 1913/14 war das noch ein echter Schocker. Es wurde deshalb auch erst 1971 posthum veröffentlicht.

Forsters andere Romane waren in ihrer Zeit kaum weniger revolutionär, sind heute für junge Menschen jedoch nahezu unverständlich, weil sich die gesellschaftlichen Verhältnisse so grundlegend verändert haben. Denn in fast allen seinen Werken geht es um ein Coming-out im weiteren Sinne, um das Abstreifen erstarrter Konventionen, die heute nicht mehr existieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die englische Society noch stark von Prüderie, Klassenbewusstsein und festen Regeln geprägt. Das Aufbrechen dieser festgefahrenen Regeln und Lebensformen gelingt am ehesten im Ausland, vorzugsweise in Italien, dem Ziel der obligatorischen Bildungsreise für junge Leute der gehobenen Gesellschaft.

Die englische Society zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Der Roman Zimmer mit Aussicht beginnt mit einer Situation, deren Brisanz dem heutigen Leser verborgen bleibt: Die junge Lucy Honeychurch und ihre ältere Cousine Charlotte müssen bei ihrer Ankunft in einer italienischen Pension in Florenz feststellen, dass sie nicht die versprochenen Zimmer mit Aussicht auf den Arno bekommen haben, sondern Nordzimmer mit Blick auf einen Hinterhof. Zwei andere Gäste – Vater und Sohn – bieten ihnen einen Zimmertausch an und beweisen damit mangelndes Taktgefühl und schlechte Manieren. „Warum nur?“, fragt sich die Leserin von heute. Es scheint doch nur vernünftig, dass jemand, dem die Aussicht aus seinem Zimmer nichts bedeutet, damit einem anderen Gast, der sie gerne hätte, eine Freude bereitet.

Aber so einfach funktioniert die feine Gesellschaft nicht. Bei solch einem Angebot sind viele Nebenaspekte zu bedenken: Was will der Herr mit seiner Großzügigkeit in Wirklichkeit erreichen? Gehen die Damen, wenn sie das Angebot annehmen, damit nicht unausgesprochene Verpflichtungen ein? Schickt es sich für ein junges Mädchen, ein Zimmer zu beziehen, in dem noch eine halbe Stunde zuvor ein junger Mann gewohnt hat?

Obwohl all diese Überlegungen antiquiert erscheinen, hat die Geschichte nichts von ihrer Frische und Herzlichkeit verloren. Lucy, nach außen hin ganz die wohlerzogene Tochter aus viktorianischem Hause, lernt im Laufe des Romans, die Konventionen infrage zu stellen, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und findet so ihr Lebensglück.

Zwei unterschiedliche Ansichten

Zimmer mit Aussicht wurde zweimal verfilmt, 1985 und 2007. Die ältere Version hält sich strikt an die Buchvorlage, macht nur manches, was im Roman zart angedeutet wird, für heutige Zuschauer leichter verständlich. Italien wird schon im Vorspann lebendig durch sprechende Jugendstilbilder und begleitende Opernarien von Giacomo Puccini. Helena Bonham-Carter ist eine überzeugende Lucy Honeychurch: bildhübsch, naiv, etwas aufsässig.

Die zweite Version will es besser machen, sie geht über den Roman hinaus. Der erste Weltkrieg hat alles verändert, Lucy kehrt Jahre später zurück nach Florenz und erinnert sich … Diese Lucy wirkt auch als junges Mädchen schon viel emanzipierter, kritischer. Die zentrale Szene, ein „unerlaubter“ Kuss zwischen nur oberflächlich Bekannten, bei Forster wohl eher als flüchtiges Küsschen konzipiert, wird hier zu einer ausgedehnten Knutscherei. Gegen Ende des Films kommt noch eine ausgiebige Sexszene hinzu, die in der viktorianischen Gesellschaft nun wirklich nichts verloren hat. Diese Überverdeutlichung des bei Forster nur Angedeuteten wirkt ein wenig holzhammerhaft. Im älteren Film ist die Natur der Katalysator. Die Schönheit der toskanischen Landschaft, das Toben der Elemente stehen für menschliche Leidenschaften und bringen diese an die Oberfläche. Eine Badeszene, nur eine ausgelassene Spielerei in aller Unschuld, überlässt es dem Zuschauer, weitere Fäden zu spinnen. Der zweite Film nimmt ihm diese Freiheit. Es ist kein schlechter Film, aber er ist ein wenig eindimensional, obwohl er weitere Möglichkeiten andeutet.

Einst verboten, heute Kult

Die andere wunderschöne Literaturverfilmung ist Maurice. Die beiden Freunde Clive und Maurice, die der Film von ihren College-Jahren bis ins Erwachsenenalter begleitet, entwickeln sich in unterschiedlicher Richtung. Clive, der sich schon früh seiner Homosexualität bewusst war, arrangiert sich später mit der Gesellschaft, heiratet eine Frau und führt das Leben, das von ihm erwartet wird. Maurice entdeckt erst durch die Freundschaft mit Clive sein Interesse an Männern, allerdings kommt es nie zum Sex zwischen ihnen. Nach dem Ende der Beziehung zu Clive beginnt er ein Verhältnis mit dessen Wildhüter Alec. Das ist ein doppelter Skandal, denn zusätzlich zur damals noch strafbaren Homosexualität werden hier auch noch die Klassenschranken durchbrochen. Das Happy End – der Entschluss der beiden, fortan zusammenzuleben – ist eher als Utopie zu verstehen. Forster war selbst homosexuell und kannte die Probleme, die das mit sich brachte.

Wie schon die ältere Adaption von Zimmer mit Aussicht zeichnet auch diesen Film die ganzheitliche Betrachtung der Sexualität aus. Keine Szene wirkt voyeuristisch. Obwohl die Akzeptanz unterdrückter Gefühle und Triebe das zentrale Thema darstellt, ist Sex hier kein Selbstzweck, sondern stets eingebettet in Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Er ist Teil der menschlichen Natur, jedoch von der Gesellschaft geächtet. Bildhaft zusammengefasst wird das in der Schlussszene, in der Clive nach einem letzten Gespräch mit Maurice, in dem er von dessen Verhältnis zu Alec erfuhr, ganz langsam alle Fenster seines Hauses schließt, während Maurice draußen in der Dunkelheit des abendlichen Parks verschwindet.

Bildquelle: By Dora Carrington (1893 – 1932) [Public domain], via Wikimedia Commons, {{PD-1923}}

Über Federspiel

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