Autor und Lektor – wie passt das zusammen?


Autorin

 

Häufig hört man von gewissen Vorbehalten gegenüber Lektoren, die auch selbst Texte verfassen. Kann jemand, der selbst schreibt, überhaupt fremde Texte lektorieren?

Dass ich diese Frage für mich persönlich mit Ja beantworte, wird niemanden überraschen. In diesem Artikel möchte ich jedoch näher auf die Gründe für meine Überzeugung eingehen.

Autor und Lektor, Schreiben und Lesen – warum soll sich das eigentlich gegenseitig ausschließen? Nun, auf diese Frage lassen sich gleich mehrere Antworten finden:

  • Schreiben ist eine kreative Tätigkeit, Lektorieren dagegen eine begutachtende, kritische. Autoren sind chaotische Spontis, Lektoren dagegen humorlose Pedanten. Und das soll in einer Person Platz haben?
  • Autoren sind sehr selbstbewusst. Das müssen sie sein, denn woher sollten sie sonst den Mut nehmen, mit ihren Werken vor die Öffentlichkeit zu treten? Bei einer Lektoratstätigkeit könnte dieses Selbstbewusstsein zu übermäßiger Kritik am fremden Text führen.
  • Autoren von Belletristik sind Spinner, das weiß doch jeder. Die ticken nicht ganz richtig, sonst könnten sie sich nicht ganze Fantasiewelten ausdenken. Die leben in ihrer eigenen Welt und sind deshalb denkbar ungeeignet, sich auf die fremde Welt eines anderen Autors einzulassen.
  • Selbstbewusstsein und eigene Welt im Kopf – alles andere als Nüchternheit, Neutralität und kritische Distanz. Diese Eigenschaften braucht ein Lektor aber.
  • Ein Autor wird einen fremden Text immer mit seinen eigenen Texten vergleichen und kann deshalb nicht objektiv sein. Er wird den fremden Text im Vergleich mit seinen eigenen als besser oder schlechter bewerten, nicht einfach nur als anders empfinden. Schlimmstenfalls wird er versuchen, den fremden Text seinem eigenen Geschmack anzugleichen.
  • Autoren fehlt das nötige Handwerkszeug zum Lektorieren. Viele von ihnen stehen mit Orthografie und Interpunktion auf Kriegsfuß. Es gibt schließlich Wichtigeres. Weshalb die kostbare Lebenszeit mit dem Pauken von Rechtschreibregeln vergeuden?

Das alles sind gewichtige Einwände gegen eine Lektoratstätigkeit von Autoren. Sie lassen sich auch nicht gänzlich widerlegen. Aber sie müssen nicht in jedem Fall zutreffen. Ich habe ganz bewusst ein etwas klischeehaftes Bild vom typischen Schriftsteller gezeichnet. Aber natürlich gibt es ganz unterschiedliche Typen von Autoren.

Zunächst einmal besteht ein großer Unterschied zwischen den Verfassern von Belletristik und Sachbuchautoren. Wer (populär)wissenschaftliche Literatur, kritische Online-Artikel oder auch nur Ratgebertexte verfasst oder wer als Journalist über das Tagesgeschehen berichtet, darf natürlich nicht in eine Fantasiewelt abtauchen, sondern muss sich einen gesunden Blick auf die Realität bewahren. Aber betrachten wir die einzelnen Punkte noch einmal der Reihe nach.

LektorKreativität versus Kritik

Diese beiden vertragen sich zunächst mal nicht so gut miteinander, das stimmt. Aber ohne einander, jeder für sich allein, könnten sie auch nicht bestehen. Ein guter Autor ist selbst sein schärfster Kritiker. Denn das kreative Chaos produziert normalerweise keine fertigen Werke. Der kreative Ausstoß muss geordnet, gezähmt, in Bahnen gelenkt, geschliffen und poliert werden. Kritisch begutachtet also, überarbeitet, umgeformt und einer persönlichen Zielvorstellung angepasst. Das ist das erste Lektorat, das jeder Text durchmacht. Dieses Lektorat führt der Autor selbst durch. Er weiß also, wie man so etwas macht.

Lektoriert man einen fremden Text, kommt zur Zielvorstellung des Autors der Blick des Lesers hinzu. Ein Text, der sich verkaufen soll, muss an die Marktbedingungen angepasst werden, da hilft nun mal nichts. Das bedeutet nicht, dass nur Mainstream-Ware Chancen hat. Aber der Leser muss bei der Stange gehalten werden, egal wie. Schon Voltaire wusste:

Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.

Und ob ein Buch langweilig ist oder nicht, entscheidet der Leser, nicht der Autor.

Ein Lektor ist sozusagen der erste Probeleser eines Buches. Neben den sprachlichen Formalien beurteilt er auch, ob das Buch interessant genug für eine breitere Leserschaft sein könnte. Natürlich ist er weder Hellseher noch der liebe Gott. Aber er verfügt über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz, er hat schon viel gelesen, er kann vergleichen und registriert auch seine eigenen Eindrücke beim Lesen mit der gebotenen Neutralität.

Ein Autor, der gleichzeitig fremde Texte lektorieren möchte, sollte ebenfalls diesen Hintergrund an Belesenheit und Erfahrung mitbringen. Kann er zudem genügend Distanz zu seinen eigenen Texten und Wertvorstellungen bewahren, spricht erst einmal nichts dagegen, sich auch als Lektor zu betätigen.

Oberlehrer-Attitüde

Natürlich wirkt ein Lektor immer oberlehrerhaft. Das ist ja gar nicht zu vermeiden. Seine Aufgabe ist es schließlich, Fehler zu finden und zu korrigieren, Kritik zu üben und Verbesserungsvorschläge zu machen. Auch dafür braucht man Selbstbewusstsein. Gefährlich wird es erst, wenn der Lektor sich für unfehlbar hält, weil er ja selbst auch Texte verfasst und deshalb genau weiß, wie die aussehen müssen … Gegen diesen Fallstrick hilft ein gesundes Maß an Selbstkritik.

Fantasiewelt im Kopf

Da ist schon eher was dran. Wer völlig von seiner selbst erfundenen Scheinwelt absorbiert wird, hat kaum noch die nötige Offenheit, um sich auf die Ideen eines anderen Autors einzulassen. Aber erstens trifft das wohl überwiegend nur auf Fantasy-Autoren zu, und zweitens ist diese eigene Welt im Kopf eines Autors ja ein temporäres Phänomen. Ist das eigene Werk einmal fertiggestellt, kommt auch die Realität wieder zu ihrem Recht.

Zu wenig Nüchternheit

Kommt drauf an. Auf den Autor nämlich. Wie der vorherige Punkt trifft auch dieser am ehestens noch auf Belletristik-Autoren zu. Aber auch diesen sollte man nicht von vornherein jeglichen nüchternen Verstand absprechen. Schreiben erfordert nicht nur Eingebung und Fantasie, sondern auch ein gehöriges Maß an ordnenden, strukturierenden, kritischen Fähigkeiten. Also genau das, was einen guten Lektor ausmacht.

Der eigene Stil als Maßstab

Das ist tatsächlich ein Stolperstein, aber er liegt nicht nur Autoren im Weg. Wer sich viel mit Literatur und anderen Texten befasst, wird seinen bevorzugten Stil entwickeln. Ob er nun selbst schreibt oder beim Lesen bestimmte Richtungen vorzieht und andere nicht ausstehen kann. Ganz davon abstrahieren kann man nicht. Ein guter Lektor wird darauf achten, die Eigenart des lektorierten Textes zu bewahren und ihn nicht dem eigenen Geschmack anzupassen. Für Autoren mit einem ausgeprägten eigenen Stil kann das unter Umständen schwierig sein. Ein Lektor, der mit einem vorgelegten Manuskript aus persönlichen Gründen gar nicht zurechtkommt, sollte genügend Mut und Ehrlichkeit aufbringen und die Bearbeitung ablehnen.

Mangelndes Fachwissen

Ungenügende Kenntnisse auf dem Gebiet der Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung findet man nicht nur bei Autoren, sondern auch bei anderen Menschen, die Lektoratsdienste anbieten. Der Kunde wird hier leider nur aus Erfahrung klug. Wirklich beurteilen kann er die Qualität einer Korrektur ja auch nur, wenn er selbst fit genug auf den genannten Gebieten ist. Ein einschlägiges Studium und berufliche Erfahrung im sprachlichen Bereich sind zwar Kriterien, die man bei der Wahl eines Lektors mit berücksichtigen kann, eine Qualitätsgarantie sind sie aber auch nicht.

Wer die Wahl hat, …

Die Wahl eines Lektors ist eine schwierige Sache. Kunde und Lektor sollten einen guten persönlichen Draht zueinander haben. Das ist wichtig, um unterschiedliche Meinungen sachlich diskutieren zu können. Der Lektor muss sein Handwerkszeug beherrschen, das heißt, die Voraussetzungen auf sprachlichem Gebiet mitbringen. Ob er darüber hinaus „vom Fach“ sein, bei akademischen Arbeiten also das entsprechende Fach selbst studiert haben sollte, ist umstritten.  Manche Kunden fühlen sich bei einem Fachkollegen besser aufgehoben, andere sind der Meinung, dass ein fachfremder Lektor die Verständlichkeit und Argumentationsstruktur eines Textes besser beurteilen kann. Wem man sein Manuskript anvertraut, bleibt eine persönliche Entscheidung. Ob der Lektor selbst auch Texte verfasst, sagt an sich über seine Qualitäten noch nicht viel aus. Wichtiger sind seine fachliche Qualifikation und seine persönlichen Voraussetzungen.

Bildquelle: Bernd Kasper / pixelio.de, Unsplash / pixabay.com

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
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