‚Anna Karenina‘ – Von geschorenen Haaren und gebrochenem Rückgrat

Anna KareninaWas macht einen Roman zu einem Meisterwerk?

Als ich Anna Karenina zum ersten Mal las, war ich dreizehn. Mein Exemplar war eine gekürzte Ausgabe irgendeines Buchclubs, die ihr Dasein im untersten Fach unseres Wohnzimmerschranks fristete. Die oberen Reihen nahmen Gläser und das Sonntagsservice ein. Im unteren Fach hatte die Hausbibliothek ihren Platz. Auf dem Einband war eine wunderschöne Frau zu sehen in einem reich geschmückten rosa Gesellschaftskleid, einem blumenbesetzten Hut und mit nachdenklich-melancholischem Gesichtsausdruck. Vermutlich war es Greta Garbo.

Ich verbrachte ein paar Wochen bei meiner einstigen Pflegemutter, denn meine richtige Mutter lag mit Krebs im Krankenhaus. Einen Vater gab es nicht. Meine Pflegemutter nahm mir das Buch zwar nicht weg, fragte aber ganz besorgt: „„Verstehst du das denn schon?“ „Ja klar, wieso soll ich das nicht verstehen?“, fragte ich zurück. Und wirklich, es gab nichts in dem Buch, was ich nicht verstand, keine Fremdwörter, keine komplizierten Sätze, keine langweiligen Passagen. Es las sich wie ein spannender Abenteuerroman. Wie gesagt, eine gekürzte Ausgabe: Lewins Zweifel am Sinn des Lebens, seine Erntearbeiten und Reformbestrebungen fehlten.

Die besorgte Frage meiner Pflegemutter zielte natürlich auf etwas anderes. Sie hatte Anna Karenina zwar nicht gelesen, hatte aber gehört, dass es darin um Ehebruch ging. Als ich dreizehn war, galten derartige Themen als unpassend für junge Mädchen.

Einige Jahre später wurde mir klar, dass ich nichts verstanden hatte. Was Ehebruch war, hatte ich gar nicht gewusst. In der Schule hatten wir zwar Sexualkundeunterricht gehabt, aber das hatte mit dem wirklichen Leben nichts zu tun. Ich las Anna Karenina ein zweites Mal und argwöhnte, dass in meiner gekürzten Ausgabe ausgerechnet die Sexszenen fehlten.

Wieder einige Jahre später besorgte ich mir endlich eine ungekürzte Ausgabe. Inzwischen studierte ich Literaturwissenschaft. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass in dem Buch keine Sexszenen vorkommen und folglich auch nicht herausgestrichen waren. Es stand zwar alles da, aber so, dass jedes Kind das Buch lesen konnte, ohne „„verdorben““ zu werden. Und ohne den Eindruck zu gewinnen, es würde irgendetwas fehlen. Das ist die Kunst der Andeutung.

Zum ersten Mal las ich nun auch die vollständige Geschichte Lewins und seiner Ehe mit Kitty und begriff, dass die gekürzte Ausgabe aus meiner Jugend tatsächlich verstümmelt war. Jeder, der sich mit Anna Karenina beschäftigt, weiß, dass Lewins und Kittys Geschichte den Gegenentwurf zu Annas und Wronskijs Schicksal bildet und dass ein angemessenes Verständnis des Buches ohne diesen Teil gar nicht möglich ist.

Durch Zufall bin ich nun gerade wieder einmal auf Anna Karenina gestoßen. Und wieder habe ich etwas dazugelernt. Abgesehen vom puren Lesevergnügen, das jede gut geschriebene Geschichte bereitet, geht es mir mit diesem Buch wie mit nur ganz wenigen anderen: Bei jedem neuen Lesen entdecke ich neue Facetten, Bedeutungen, Anspielungen und verborgene Symbolik. Manches ist so offensichtlich, dass ich mich frage, wie ich früher darüber habe hinweglesen können.

Wusste ich denn schon immer, dass das traurige Schicksal von Wronskijs Rennpferd Frou-Frou, das erschossen werden muss, weil er ihm beim Rennen das Rückgrat bricht, Annas weitere Geschichte vorwegnimmt? Beim ersten Lesen sicher nicht, denn die Episode des Pferderennens ist für sich genommen schon so aufregend und für die vordergründige Handlung bedeutsam, dass die hintergründige Symbolik dadurch überdeckt wird.

Und ob man es glaubt oder nicht: Erst jetzt habe ich mich gefragt, was Annas kurzgeschorene Haare nach ihrer Krankheit zu bedeuten haben. Und erst jetzt ist mir aufgefallen, dass auch Lewins euphorischer Gemütszustand, nachdem Kitty seinen Heiratsantrag angenommen hat, nicht so eindeutig positiv dargestellt wird, wie es zunächst scheint, ebenso wenig wie Karenins christliche Vergebung an Annas Krankenbett. Abgebrüht und misstrauisch, wie ich in literarischer Hinsicht mittlerweile bin, kommt mir der Roman nun wie ein Vexierspiel vor: Tolstoi vermag sich hervorragend in den Geisteszustand jedes seiner Protagonisten zu versetzen, hält sich mit Bewertungen jedoch vornehm zurück.

Jedes Kunstwerk birgt die Möglichkeit unterschiedlicher Interpretationen in sich. Es ist ein Spiegel, in dem der Betrachter sich selbst erblickt. Es stellt Fragen, die es nur gemeinsam mit dem Leser beantworten kann.

Annas abgeschnittene Haare: Symbolisieren sie den Verlust ihrer Lebenskraft? Werden hier alte Zöpfe abgeschnitten oder wird Anna der Kopf geschoren, wie man es früher mit Ehebrecherinnen tat? Ich weiß es nicht. Ebenso wenig, wie ich weiß, ob Tolstoi Annas Ehebruch wirklich verurteilt. So verführerisch es auch sein mag, Anna und Wronskij auf der einen Seite und Kitty und Lewin auf der anderen einander als positiven und negativen Lebensentwurf gegenüberzustellen – es erscheint mir zu einfach, wenn ich das Buch unvoreingenommen lese. Es ist zu viel Sympathie und Verständnis für Anna und selbst für Wronskij darin, zu viel Distanz und Ironie gegenüber Karenin und selbst Lewin gegenüber. Das Leben ist kompliziert und kennt keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen, und Tolstoi hat das gewusst.

Bildquelle: Aleksei Mikhailovich Kolesov (www.pinterest.com) [Public domain], via Wikimedia Commons, {{PD-1923}}

Über Federspiel

Ich bin die Texterin von www.text-exklusiv.de. Durch meine Blogartikel haben Sie die Möglichkeit, mich etwas näher kennenzulernen und können sich zugleich von meinen texterischen Fähigkeiten überzeugen.
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