Harry Potter und die Gelddruckmaschine

Harry Potter und das verwunschene Kind – eine Abrechnung

„Es liest sich wie eine schlechte Fanfiction.“ Das ist der Tenor der vergleichsweise wenigen kritischen Lesermeinungen. Gegenüber dem allgemeinen Jubelgeschrei sind sie in der Minderheit. Dass bei manchen Hardcore-Fans das kritische Denkvermögen immer noch aussetzt, wenn irgendwo Harry Potter draufsteht, ist vielleicht nicht so verwunderlich. Dass aber auch Rezensenten der großen Tages- und Wochenzeitungen in den allgemeinen Jubel einstimmen, finde ich denn doch erstaunlich. Es ist eigentlich nur dadurch zu erklären, dass sie die originalen Harry-Potter-Bände nicht kennen und daher gar nicht vergleichen können. Denn was hier geboten wird, ist wirklich nur ein dünner Abklatsch. Es liest sich nicht einmal wie eine schlechte Fanfiction, sondern wie eine sehr schlechte Fanfiction.

Fantasy auf der Theaterbühne – kann das funktionieren?

Was J. K. Rowlings siebenbändiges Mammutwerk lesenswert und zum Kultobjekt macht, ist nicht in erster Linie der Plot, sondern die fantasievolle Ausgestaltung. Der Plot ist schnell erzählt: Gut gegen Böse, der Böse wurde fast ausgeschaltet, aber eben nur fast. Nun ist er wieder auf dem Vormarsch und muss mit allen Mitteln gestoppt werden. Die Situation wird von Band zu Band gefährlicher, bis es dem Helden dann im siebten Band mit Hilfe der vereinigten Liga der Guten gelingt, die aussichtslos scheinende Lage zu wenden. Seitdem herrscht Friede in der Zaubererwelt.

Aber was bis dahin alles geschieht und vor allem, wie es erzählt wird, macht die eigentliche Faszination der Bücher aus. Rowlings Verdienst ist die Kreation einer magischen Welt mit liebenswerten Personen, die in jedem Band durch neue Mitspieler, Fabelwesen, Zaubersprüche und Artefakte erweitert wird. Über den in sich abgeschlossenen Rätseln und den verschlungenen Wegen zu ihrer Auflösung in den einzelnen Bänden erhebt sich der Spannungsbogen der Gesamtstory, der die Potter-Fans über Jahre bei der Stange gehalten, zu Spekulationen und eigenen Fortsetzungen oder Alternativerzählungen angeregt hat. Das sind Fanfictions. Die besten darunter sind eine gelungene Mischung aus Potter-Universum und Eigenschöpfungen der Fanfiction-Autoren.

harry-potter-world-1788999_640Wie kann ein Original schlechter sein als Fanfiction?

Eins der Probleme des verwunschenen Kindes besteht darin, dass es eben keine Fanfiction ist. Man spürt sehr deutlich, dass Rowling, wenn sie schon nicht ihre Finger drin hatte, so doch eifersüchtig über ihr Universum gewacht hat. So etwas lähmt jeden Autor. In diesem Skript gibt es nichts Neues. Harry Potter und das verwunschene Kind besteht zu großen Teilen aus Wiederholungen bereits bekannter Handlungsabläufe mit bekannten Personen, die allerdings oft zu Schatten ihrer selbst mutieren. Zu viele Selbstplagiate führen zu Gereiztheit beim Leser, selbst wenn das Original noch so mitreißend war. Dazu kommt, dass die Wiederholungen zu wenig Raum zur Entfaltung haben, denn es muss ja alles auf Theaterformat zurechtgestutzt werden. Das passt nicht zum Genre Fantasy, das doch zu drei Vierteln im Eintauchen in eine fremde Welt besteht und nur zum restlichen Teil im Fortschreiten der Handlung.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern – so war das früher auch bei Rowling

Und welche Handlung! Ich verrate ja kein großes Geheimnis, wenn ich erwähne, dass es um Zeitreisen geht, und das gleich in wiederholter Form. Alle Absurditäten, die Zeitreisen so mit sich bringen, werden hier genüsslich ausgewalzt, allerdings ohne sie als absurd zu kennzeichnen. Daraus entsteht ein steriles Durchspielen alternativer Storylines, das nur zu einem einzigen Ergebnis führen kann: So, wie J. K. Rowling die Geschichte ursprünglich erzählt hat, war es doch am besten. Aber warum eigentlich?

Alles war gut.

Können wir uns wirklich keine Welt vorstellen, die besser ist als die Gegenwart? Gibt es ein Gesetz, das besagt, dass Eingriffe in die Vergangenheit die Gegenwart immer zum Schlechteren verändern müssen? Ich jedenfalls kenne kein solches Gesetz und es fällt mir leicht, mir bessere Zustände vorzustellen als die realen. Dieses Skript, das schlechter ist als schlechte Fanfiction, ist im Endeffekt nichts weiter als eine Hymne auf die ersten sieben Bände. Es ist der ultimative „Beweis“, dass es keine bessere Welt geben kann als die von J. K. Rowling erdachte.

Liebe Frau Rowling, wozu brauchen Sie diesen Beweis? Ist der Riesenerfolg Ihrer Bücher denn immer noch nicht genug? Wenn es zu Harry Potter nichts Neues zu sagen gibt, warum schweigen Sie dann nicht einfach? Widmen Sie sich doch lieber Ihrer Krimireihe oder erfinden Sie eine neue Geschichte! Mit Selbstbeweihräucherung tut man sich selten einen Gefallen. Und dass Sie so dringend Geld brauchen, dass Sie eine Maschine in Gang setzen müssen, die garantiert funktioniert, kann doch eigentlich auch nicht sein, oder?

Bildquelle: https://pixabay.com/de/harry-potter-welt-universal-orlando-1788999/
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Die Brücke vom anderen Ufer

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Heidelberg hat mich wieder enttäuscht. Was von Weitem wie ein netter Spazierweg am gegenüberliegenden Neckarufer aussah, entpuppte sich aus der Nähe als ausgebaute Uferpromenade, säuberlich getrennt in Fußgänger- und Radfahrerweg. Vor allem aber: Zwischen Weg und Neckar liegt ein breiter … Weiterlesen

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Winnetou – eine Liebesgeschichte

Karl MayAls die Guten noch belohnt und die Bösen bestraft wurden

Filmstars habe ich nie angehimmelt, auch nicht Pierre Brice. Wie man eine virtuelle Persönlichkeit zum Idol erheben kann, verstehe ich bis heute nicht. Angeschwärmt habe ich ab und zu mal einen Musiker, aber das passierte erstens viel später, und zweitens waren das echte Menschen. Leichter gefallen wäre mir die Schwärmerei sicher mit Figuren aus Büchern, aber selbst da kann ich mich an nichts Derartiges erinnern. Nicht mal Winnetou, der nun wirklich ein Anrecht auf diese Rolle gehabt hätte, war mein Idol.

Aber es gab eine Phase, als ich schätzungsweise so zwischen neun und zwölf war, da verbrachte ich jede freie Minute mit den Büchern von Karl May und verschlang einen Roman nach dem anderen. (Nein, ich habe sie nicht alle gelesen, aber doch ziemlich viele.) Worin lag die Faszination dieser erfundenen „Reiseerzählungen“ und worin liegt sie – bis zu einem gewissen Grad – noch heute? Wenn ich mich damals auch sehr mit den omnipotenten Helden identifizierte und mir meinen Platz im Waffengetümmel reservierte, waren es doch wohl nicht nur die Personen, die mich so anzogen, sondern eher die gesamte Szenerie. Die Freiheit, die Weite der Landschaft, das Abenteuer hinter jeder Ecke, ferne exotische Länder … Es war die Flucht aus einer Realität, die mir nicht viel Gutes zu bieten hatte, darin ging es mir ganz ähnlich wie Karl May.

Außerdem – und das fällt mir vor allem jetzt auf, wenn ich die Bücher nach langer Zeit noch mal hervorhole – werden in diesen Romanen Werte vermittelt, die mir damals unmittelbar einleuchteten: Aufrichtigkeit, Tapferkeit, Freundschaft, Einstehen für den anderen, Selbstlosigkeit … Heute gibt es das nicht mehr, außer vielleicht bei Harry Potter, der ist auch tapfer und bereit, sich für seine Freunde zu opfern, obwohl er nicht ganz so unüberwindbar ist wie Old Shatterhand. Eigentlich erstaunlich, dass das alte Rezept immer noch funktioniert.

Echte Freunde gibt’s nur in der Fantasie

Aber im wirklichen Leben gewinnen normalerweise nicht die Guten, sondern die, die in Jugendbüchern bestraft werden: Lügner, Feiglinge, Mobber, Verleumder, Steuerhinterzieher, Ausbeuter und andere Kriminelle. Die wenigen, die da nicht mitmachen wollen, werden als „Gutmenschen“ verunglimpft und lächerlich gemacht. Das Gute hat sich also schon in einen Makel verwandelt. Wer will da noch gut sein? Niemand.

Deshalb ist es auch nach so vielen Jahren erholsam, noch einmal in Karl Mays Traumwelt einzutauchen, in der es zwar reichlich brutal zugeht, wo aber wenigstens die Fronten eindeutig geklärt sind.

Die Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand ist berühmt als Männerfreundschaft. Allerdings kommt das Wort „Freundschaft“ bei Karl May kaum vor, höchstens einmal „Freunde“. Stattdessen ist fast immer von „Liebe“ die Rede, von „lieben“ und „liebhaben“.

Ich habe ihn geliebt wie keinen zweiten Menschen,

heißt es schon in der Einleitung zu Winnetou I. (W1, Einleitung, S. 4) Und es endet mit Winnetous Bekenntnis kurz vor seinem Tod in Winnetou III:

„Winnetou hat keinen Menschen geliebt als ihn [Old Shatterhand] allein …“ (W3, 6. Kap.: Helldorf-Settlement, S. 363)

Da scheint doch die Frage nahezuliegen:

Waren Winnetou und Old Shatterhand schwul?

In der jüngeren Generation ist Michael Herbigs Persiflage Der Schuh des Manitu wahrscheinlich bekannter als die Winnetou-Filme mit Pierre Brice aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Schuh des Manitu tritt neben Abahachi, der die Stelle Winnetous einnimmt, ein schwuler Zwillingsbruder mit Namen Winnetouch auf. Warum nur ein Zwillingsbruder, warum nicht Winnetou selbst, fragt man sich da unwillkürlich. Vielleicht, weil die Sache doch nicht so eindeutig ist?

Jedenfalls war Michael Herbig nicht der Erste, der Karl May und seinen Helden latente Homosexualität unterstellt hat. In Sitara und der Weg dorthin von 1963 findet der Schriftsteller Arno Schmidt auf Schritt und Tritt, in jeder Höhle und jedem Baum homosexuelle Symbole. Ich habe diese Abhandlung während meiner Studienzeit zufällig in die Hände bekommen und pflichtschuldigst gelesen. An Details erinnere ich mich nicht mehr, aber ich weiß noch, dass ich mit dem Thema überhaupt nichts anfangen konnte und mich die Argumentation in keiner Weise überzeugte. In Landschaften kann man schließlich alles hineininterpretieren, und irgendwo müssen die Abenteuer ja schließlich stattfinden. Ich wage mal die ketzerische These, dass Karl Mays detaillierte Landschaftsbeschreibungen vor allem der Illusion von Authentizität dienen sollen. Wer so genau weiß, auf welcher Seite die Berghänge bewaldet sind, ob das Gras trocken oder feucht ist und in welche Richtung das Wasser im See strömt, der muss doch wirklich da gewesen sein!

Während Christian Tramitz, der Darsteller des Ranger aus dem Schuh des Manitu, über Karl Mays Helden immer noch meint: „Wenn die zwei net schwul san, dann woaß i a nimmer“ (Interview auf artechock.de), gilt Arno Schmidts These von der latenten Homosexualität Karl Mays „in der Karl-May-Forschung inzwischen als widerlegt“. (Diese Behauptung findet man im Internet allerorten, die Quelle dafür allerdings nicht.)

Wem soll man nun recht geben? Um darauf eine Antwort zu finden, schauen wir uns doch einfach den Text einmal genau an! Doch hierzu bedarf es zunächst eines kleinen Exkurses.

Was nicht in der Bamberger Ausgabe steht …

… ist unter anderem dieses:

Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen … (Weihnacht!, 2. Kap.: Der Prayer-man, S. 277)

Die Bamberger Ausgabe, das sind die Gesammelten Werke, die wir alle in unserer Jugendzeit gelesen haben, damals gab es nämlich keine anderen. Jetzt aber hat man die Qual der Wahl, wobei für mich persönlich die Qual gegen null geht. Neben den Gesammelten Werken ist eine historisch-kritische Ausgabe im Entstehen, die auch in lesefreundlicher Form, das heißt, ohne den wissenschaftlichen Apparat, erhältlich ist. Darüber hinaus gibt es die unbearbeiteten Originaltexte als kostenlosen Download auf den Internetseiten der Karl-May-Gesellschaft. Weiterhin sind Reprints der Erstausgaben in Frakturschrift im Angebot sowie verschiedene nur leicht bearbeitete Ausgaben.

Selbst bei Winnetou I, der vergleichsweise wenig bearbeitet wurde, sträuben sich mir die Haare, wenn ich Original und Fälschung vergleiche. Nur ein kurzes Beispiel soll die Gründe verdeutlichen:

Original:

[Old Shatterhand und Winnetou sprechen über Klekih-petras letzten Wunsch an Old Shatterhand kurz vor seinem Tod.]

„Ich versprach ihm, diesen Wunsch zu erfüllen.“
„Es war sein letzter, den er im Leben hatte. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu sein, hast mich behütet, bewacht und geschont, während ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich meines Messers wäre für jeden Andern tödlich gewesen, doch dein starker Körper hat ihn überwunden. Ich stehe in tiefer, tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund!“ (W1, 5. Kap.: „Schöner Tag“, S. 339)

Fälschung:

„Ich versprach, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.“
„Es war seine letzte Bitte im Leben. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu sein, hast mich behütet, bewacht und geschont, während ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich meines Messers wäre für jeden anderen tödlich gewesen, doch dein starker Körper hat ihn überwunden. Ich stehe in tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund!“ (Winnetou I, Karl-May-Verlag Bamberg = Gesammelte Werke, Bd. 7, 15. Kapitel: Das Ende eines Feiglings, S. 360f.)

Die Veränderungen (von mir rot markiert) würde uns der Karl-May-Verlag ganz sicher als stilistische Verbesserungen verkaufen wollen. Während man bei den ersten drei Stellen noch darüber diskutieren könnte, ist die letzte „Verbesserung“ in meinen Augen eindeutig eine Sinnentstellung. Denn wer behauptet: „Ich stehe in tiefer Schuld bei dir“, kann das auch als höfliche Floskel äußern, um einer Konvention Genüge zu tun. Wer die Tiefe der Schuld aber betont, indem er das Adjektiv verdoppelt, der meint es wirklich so.

Ende des Exkurses

Zurück zu den „küßlichen Lippen“: Geküsst und umarmt wird bei Karl May überraschend viel, auch daran kann ich mich von früher gar nicht erinnern …

Umarmungen, Küsse und Liebesbekenntnisse

Emotionale Szenen, körperliche und verbale Liebesbekenntnisse findet man in den Büchern allerorten. Dabei fällt auf, dass die früher entstandenen Texte im Ton neutraler gehalten sind und sich mehr auf das reine Abenteuer konzentrieren. Später entstandene Bücher (dazu zählt Winnetou I) und spätere Umarbeitungen stellen das gefühlvolle und persönliche Verhältnis stärker in den Vordergrund. Hier ein Beispiel:

Er öffnete die Arme, und wir lagen uns am Herzen.
„Schar-lih, shi shteke, shi nta-ye – Karl, mein Freund, mein Bruder!“ fuhr er, beinahe weinend vor Freude, fort. „Shi intá ni intá, shi itchi ni itchi – mein Auge ist dein Auge, und mein Herz ist dein Herz!“
Auch ich war so ergriffen von diesem so ganz und gar unerwarteten Wiedersehen, daß mir das Wasser in die Augen trat. Es konnte mir nichts Glücklicheres geschehen, als ihn hier zu treffen. Er blickte mich immer von Neuem mit liebevollen Augen an; er drückte mich immer von Neuem an seine Brust, bis er sich endlich erinnerte, daß wir nicht allein waren. (W3, 5. Kap.: Die Railtroublers, S. 332)

Daraus lässt sich nun allerdings gerade nicht auf Homosexualität schließen. Denn anders als heute war das ungehemmte Ausleben von Zuneigung zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts im 19. Jahrhundert an der Tagesordnung. Zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau dagegen waren höchstens Verlobten oder Ehegatten gestattet, und auch das nur in sehr zurückhaltender Form. Noch heute kann man in manchen asiatischen Ländern überall in der Öffentlichkeit Händchen haltenden Männer- oder Frauenpaaren begegnen. Daraus Homosexualität abzuleiten, wäre verfehlt. Es handelt sich um eine reine Freundschaftsbezeigung, wie sie bei heterosexuellen Paaren nicht ohne Weiteres akzeptiert würde.

Auch in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts findet man entsprechende Szenen, etwa in Hölderlins Hyperion:

Alabanda flog auf mich zu, umschlang mich, und seine Küsse gingen mir in die Seele. Waffenbruder! rief er, lieber Waffenbruder! o nun hab ich hundert Arme! (Hölderlin, Hyperion, Erstes Buch, S. 316)

Um wie viel vorsichtiger geht Hyperion dagegen mit seiner angebeteten Diotima um:

Das Geländer, worauf sie sich stützte, war etwas niedrig. So durft ich es ein wenig halten, das Reizende, indes es so sich vorwärts beugte. Ach! heiße zitternde Wonne durchlief mein Wesen und Taumel und Toben war in allen Sinnen, und die Hände brannten mir, wie Kohlen, da ich sie berührte. (Hölderlin, Hyperion, Erstes Buch, S. 342)

Waren sie also nicht schwul – oder vielleicht doch?

Auch wenn all die Küsse und Umarmungen in Anbetracht des historischen Kontextes rein gar nichts besagen, so lässt sich die Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand dennoch ganz zwanglos als Liebesgeschichte lesen, die mit der Liebe auf den ersten Blick beginnt und nach einer Phase unverbrüchlicher Treue erst endet, als der Tod die beiden Blutsbrüder scheidet. Dazu braucht man nur den Spuren zu folgen, die nicht ganz so offen zutage liegen. Viele der folgenden Zitate sprechen so sehr für sich selbst, dass sie kaum der Kommentierung bedürfen.

Auf die schwärmerischen Beschreibungen Winnetous durch den Erzähler hat schon Arno Schmidt hingewiesen. Stets wiederkehrender Bestandteil dieser Beschreibungen sind das herrliche blauschwarze Haar und die dunklen samtenen Augen. Diese Augen verfolgen Old Shatterhand bis in die Fieberfantasien nach dem fast tödlichen Zweikampf:

Nachher kämpfte ich mit Indianern, Büffeln und Bären, machte Todesritte durch die ausgedorrten Steppen, schwamm monatelang über uferlose Meere – – – es war im Wundfieber, in welchem ich lange, lange mit dem Tode rang. Zuweilen hörte ich Sam Hawkens‘ Stimme wie aus weiter, weiter Ferne; zuweilen sah ich zwei dunkle, sammetne Augen vor mir, die Augen Winnetous … (W1, 4. Kap.: Zweimal um das Leben gekämpft, S. 247)

Wie es sich für eine Amour fou gehört, ist Old Shatterhand vom ersten Augenblick an regelrecht besessen von Winnetou:

Winnetou hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, einen Eindruck, wie ich ihn noch bei keinem andern Menschen empfunden hatte. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 117)

Ich hatte während der letzten Tage so viel an Winnetou gedacht, daß er mir innerlich immer näher getreten war; er war mir wert geworden, ohne daß es seiner Gegenwart oder gar seiner Freundschaft bedurft hatte, gewiß ein eigenartiger seelischer Vorgang, wenn auch nicht grad ein psychologisches Rätsel. Und sonderbar! Ich habe später von Winnetou erfahren, daß er damals ebenso oft an mich gedacht hat, wie ich an ihn! (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 186)

Und Winnetou ergeht es ebenso, wie seine Schwester Nscho-tschi im Gespräch mit Old Shatterhand verrät:

„Eure Krieger hatten den gefangenen Kiowas alles abgenommen, was sie bei sich hatten?“
„Ja.“
„Auch meinen drei Kameraden?“
„Ja.“
„Warum da mir nicht auch? Man hat den Inhalt meiner Taschen nicht angerührt.“
„Weil Winnetou, mein Bruder, es so befohlen hatte.“
„Und weißt du, weshalb er diesen Befehl gab?“
„Weil er dich liebte.“
„Trotzdem er mich für seinen Feind hielt?“
„Ja. Du sagtest vorhin, daß du ihn gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt habest; dasselbe ist auch bei ihm mit dir der Fall gewesen. Es hat ihm sehr leid getan, dich für einen Feind halten zu müssen, und nicht nur für einen Feind – – –“
(W1, 5. Kap.: „Schöner Tag“, S. 317f.)

Wie schon aus Karl Mays Einleitung zu Winnetou I und Winnetous letzten Worten in Winnetou III deutlich wird, stellen beide den jeweils anderen hoch über alle anderen Menschen. Zur Ausschließlichkeit dieser Liebe gesellt sich die Möglichkeit der Eifersucht:

Winnetou war mit Old Firehand fast noch freundlicher als mit mir, so daß ich hätte eifersüchtig werden mögen, wenn ich die Anlagen und den dazu nötigen Unverstand besessen hätte. (W2, 6. Kap.: In der Festung, S. 377)

Dann ist da die Haarsträhne, die Old Shatterhand Winnetou abschneidet, als er ihn heimlich befreit:

Dabei fiel mir das herrliche Haar Winnetous in die Augen, welches auf dem Kopfe einen helmartigen Schopf bildete und dann noch schwer und lang auf den Rücken niederfiel. Mit der linken Hand eine dünne Strähne desselben fassend, schnitt ich sie mit der Rechten ab und ließ mich dann wieder zu Boden sinken. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 207f.)

Vordergründig soll sie zum Beweis seiner Tat dienen:

Warum ich das tat? Um nötigenfalls einen Beweis in den Händen zu haben, daß ich es war, der ihn losgeschnitten hatte. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 208)

Aber:

Die Haarlocke Winnetous habe ich auf allen meinen Wanderungen durch den Westen bei mir getragen und besitze sie heute noch. (W1, 3. Kap.: Winnetou in Fesseln, S. 213)

Haarlocken waren ein beliebtes Liebesunterpfand, das vorzugsweise in einem Medaillon aufbewahrt wurde. Es war üblicherweise die Frau, die ihrem Liebsten eine Locke von ihrem Haar schenkte. Haarlocken als reines Freundschaftszeichen sind mir außer bei Winnetou in der Literatur noch nicht begegnet.

Die späteren Freunde stehen sich zunächst als Feinde gegenüber. Es kommt zum Zweikampf, in dem Old Shatterhand fast getötet wird. Über die Symbolik dieses Zweikampfes möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen, sondern nur bemerken, dass er für Karl Mays Konzeption der Begegnung zwischen Old Shatterhand und Winnetou offenbar essentiell war. Es gibt mindestens zwei alternative Versionen des Kennenlernens der beiden Blutsbrüder aus früheren Erzählungen, die sich in den äußeren Umständen stark von der endgültigen Version unterscheiden. Aber Zweikampf und Messerstich in den Hals gehören immer dazu.

Old Shatterhands Situation im Lager der Apachen ist so schlimm wie nur möglich. Dennoch lässt er sich bei seinen Handlungen nicht von reiner Vernunft leiten. In Anbetracht des Umstands, dass ihm und seinen Freunden der Tod am Marterpfahl droht, lässt er seinem verletzten Stolz im Gespräch mit Nscho-tschi beachtlichen Spielraum:

„ […] Eure Krieger werden mich nicht töten!“
„Gewiß! Es ist im Rate der Alten beschlossen.“
„So werden sie anders beschließen, wenn sie hören, daß ich unschuldig bin.“
„Das glauben sie nicht!“
„Sie werden es glauben, denn ich kann es ihnen beweisen.“
„Beweise es, beweise es! Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn ich hörte, daß du kein Lügner und kein Verräter bist! Sage mir, womit du es beweisen kannst, damit ich es Winnetou, meinem Bruder, mitteile!“
„Er mag zu mir kommen, um es zu erfahren.“
„Das tut er nicht.“
„So erfährt er es nicht. Ich bin nicht gewöhnt, mir Freundschaft zu erbetteln oder durch Boten mit jemand zu verkehren, der selber zu mir kommen kann.“
(W1, 4. Kap.: Zweimal um das Leben gekämpft, S. 263f.)

Verräterisch sind immer extreme Situationen, selbst bei einem schweigsamen Indianer, der unter normalen Umständen keine Gefühle zeigt. Im 2. Band der Satan-und-Ischariot-Trilogie sind Winnetou, Old Shatterhand bzw. hier einmal Kara Ben Nemsi und Lord Emery Bothwell (wieder einmal!) damit beschäftigt, sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Sie graben sich einen Tunnel unter dem Felsbrocken hindurch, der den Eingang zu ihrem Höhlenverlies verschließt. Dabei wird Kara Ben Nemsi verschüttet, seine Gefährten halten ihn für tot. Umso größer dann die Freude, als sich herausstellt, dass er das Unglück gegen alle Wahrscheinlichkeit doch überlebt hat:

„Scharlieh!“ rief, nein, brüllte er förmlich.
„Winnetou!“
[…]
„Scharlieh, mein Bruder!“ die drei Worte nur sagte der Apatsche; aber der Ton, in welchem er sie aussprach, galt mir mehr als die allerlängste Rede. (S2, 6. Kap.: Vergebliche Jagd, S. 523)

Aber wer ist nun eigentlich das Objekt dieser Liebe, die so haarscharf an der Homoerotik vorbeischrammt?

Wer ist Winnetou?

WinnetouKarl May stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hatte keine geradlinige Karriere. Durch frühe Verfehlungen und Gefängnisaufenthalte war ihm ein normales bürgerliches Leben unmöglich gemacht worden. Erst durch seinen Erfolg als Schriftsteller gelang es ihm, diesen Mangel zu kompensieren. Wie gut es ihm gelang und dass es ihm dabei nicht nur um materielle Sicherheit ging, zeigt der Umstand, dass er einige Jahre lang ein wenig über das Ziel hinausschoss und behauptete, er sei selbst Old Shatterhand und habe alle beschriebenen Abenteuer wirklich erlebt.

Karl Mays Identifikation mit seinem Überhelden Old Shatterhand wirkt deshalb so übertrieben und unglaubwürdig, weil darin nur Teilaspekte seiner Persönlichkeit abgedeckt sind. Die dunklen Seiten sind abgespalten und finden sich in anderen Figuren wieder. Kaum verdeckt etwa in Carpio, dem kränklichen und verwirrten Schulkameraden aus Weihnacht!, weniger offensichtlich in zwielichtigen Gestalten wie etwa Old Death.

Bei der Figur Old Shatterhand leuchtet die Identität des Autors mit seinem Romanhelden unmittelbar ein: Jeder erkennt darin leicht eigene Wunscherfüllungs- und Allmachtsfantasien wieder. Aber auch Winnetou, der scheinbare Gegenspieler, dessen Freundschaft doch so hart erkämpft werden muss, ist ein Teil von Karl Mays eigener Psyche. In der Terminologie der Psychoanalyse stellt Old Shatterhand das unreflektierte Es dar, das durch kein Realitätsprinzip gehemmte Unbewusste, eine allmächtige, allen überlegene Person. Winnetou dagegen verkörpert das Über-Ich, das verinnerlichte gesellschaftliche Normen und Werte repräsentiert.

Karl May hat in späteren Jahren alles getan, um die Aufdeckung seiner kriminellen Vergangenheit zu verhindern, er war kein gesellschaftlicher Rebell, kein Täter aus Überzeugung, sondern ein kleiner Gelegenheitsdieb und -hochstapler. Er brauchte eine Instanz, die ihn von seinen Verfehlungen freisprach, und diese Instanz ist Winnetou. Um den Freispruch dieser Instanz zu erhalten, ist jedoch harte Überzeugungsarbeit vonnöten. Sehr deutlich wird das in Winnetous Gespräch mit Sam Hawkens an Old Shatterhands Krankenlager:

„Ja, er würde ebenso lügen wie du. Die Bleichgesichter sind alle Lügner und Betrüger. Ich habe nur einen einzigen Weißen gekannt, in dessen Herz die Wahrheit wohnte; dieser war Klekih-petra, den ihr uns ermordet habt. In diesem Old Shatterhand hätte ich mich beinahe getäuscht. Ich sah seine Kühnheit und seine Körperkraft und bewunderte ihn. In seinem Auge schien die Aufrichtigkeit ihren Sitz zu haben, und ich glaubte, ihn lieben zu können. Aber er war genau ein solcher Länderdieb wie die Andern; er verhinderte euch nicht, uns in die Falle zu locken, und hat mir zweimal seine Faust an den Kopf geschlagen. Warum hat der große Geist einen solchen Mann geschaffen und ihm ein so falsches Herz gegeben?“

Ich hatte ihn, als er mich berührte, ansehen wollen; aber der Wille fand bei den matten Bewegungsnerven keinen Gehorsam. Mein Körper schien aus Aether zu bestehen, ja, gar nicht aus durch die Sinne wahrnehmbaren Stoffen zusammengesetzt zu sein und also auch gar nichts Wahrnehmbares vernehmen zu können. Aber jetzt, als ich dieses Urteil Winnetous hörte, gehorchten mir die Augenlider. (W1, 4. Kap.: Zweimal um das Leben gekämpft, S. 250)

Der Kampf um gesellschaftliche Anerkennung war für Karl May buchstäblich ein Kampf auf Leben und Tod. Winnetous Wertschätzung und Freundschaft ist für Old Shatterhand, Karl Mays Alter Ego, deshalb von so großer Bedeutung, weil sie zugleich seine gesellschaftliche Rehabilitation und die Versöhnung mit sich selbst repräsentiert. Wenn Winnetou, Karl Mays eigenes Über-Ich, ihn seiner Freundschaft für würdig erachtet, darf er wieder in Frieden mit sich selbst leben.

Zitiert wird nach dem Online-Textarchiv der Karl-May-Gesellschaft. Abkürzungen: W1 = Winnetou I, W2 = Winnetou II, W3 = Winnetou III, S2 = Satan und Ischariot II. Zusätze in eckigen Klammern sind von mir. Die Hölderlin-Zitate stammen aus Bd. 1 der dreibändigen Paperback-Ausgabe des Insel-Verlags: Hölderlin. Werke und Briefe. Hrsg. v. Friedrich Beißner u. Jochen Schmidt. Frankfurt am Main 1969.
Bilder:
Karl May mit seinen Schöpfungen Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, von ihm selbst dargestellt

Titelbild von Sascha Schneider zum Band Winnetou III
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Sieben Ansichten einer Brücke

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Die Alte Brücke in Heidelberg – ein typisches Postkartenmotiv Der Blick vom Heidelberger Schloss hinunter auf den Neckar, einen Teil der Altstadt und die Alte Brücke ist berühmt. Mit seinen roten Dächern, dem geschwungenen Kirchturm und den altertümlichen Brückenbögen meint … Weiterlesen

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Burg Frankenstein im Pfälzerwald

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Der Pfälzerwald steckt voller Geheimnisse und bietet jede Menge Gelegenheiten zu abenteuerlichen Entdeckungen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man sich auf eine mehrtägige Wanderung begibt oder nur mal so zwischendurch einen kurzen Abstecher macht. Die Burgruine Frankenstein – … Weiterlesen

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SaarburgAuf Google+ gibt’s noch ein Album mit ein paar weiteren Fotos von Saarburg: vom Ufer aus gesehen, bei bedecktem Himmel, aber trotzdem sehr malerisch.

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Saarburg im Vorfrühling

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Strahlend blauer Himmel und kahles Wintergrau liefern sich ein spannendes Duell Die Vögel zwitschern schon beträchtlich lauter, es gibt Tage, da erreichen die Temperaturen um die Mittagszeit schon frühlingshaftes Niveau, und schaut man nur in den Himmel, so könnte man … Weiterlesen

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‚Gefahr und Begierde‘ von Ang Lee

Unromantische Liebesfilme – gibt’s die?

Im wirklichen Leben wissen die meisten, wenn sie einmal über das Teenager-Alter hinaus sind, dass die Liebe keine einfache Sache ist. Sobald das Thema aber auf der Leinwand in Szene gesetzt wird, sieht das ganz anders aus. Liebe im Kino assoziieren wir mit Romantik, großen Gefühlen und Happy End. Diese Erwartungshaltung ist so stark, dass ein Film, der die bekannten Klischees nicht bedient, auf Unverständnis stößt und schon allein deshalb oft Ablehnung hervorruft.

Gefahr und Begierde von Ang Lee ist so ein Film, der auf den ersten Blick ausgesprochen unterkühlt daherkommt und dennoch von Liebe erzählt. Das mag überraschen, handelt es sich bei den beiden Hauptdarstellern doch um politische Gegner, die eine Art Katz- und Mausspiel miteinander treiben. Die Geschichte, basierend auf einer Novelle von Eileen Chang, einer chinesischen Kult-Autorin, spielt in Hongkong und Shanghai um 1938 und 1942, zur Zeit der japanischen Besatzung in China. Changs Kurzgeschichte wiederum geht auf eine wahre Begebenheit zurück.

Wang Jiazhi, eine junge Studentin, entdeckt ihre Liebe zur Schauspielerei und gerät durch ihre Theatergruppe in den Widerstandskampf gegen die Japaner. Als neuer Star der Truppe wird ihr die Hauptrolle in einem gefährlichen Komplott zugeschanzt: Sie soll einen hohen Beamten, der mit der japanischen Besatzungsmacht kollaboriert, verführen und ihren Mitverschwörern die Gelegenheit verschaffen, ihn zu ermorden. Das Spiel scheint zu gelingen, wenn es auch mehrere Jahre dauert, bis Wang Jiazhi endlich am Ziel ist. Sie wird Herrn Yis Geliebte und erschleicht sich sein Vertrauen.

Spionagethriller, Liebesromanze, Psychodrama?

Gefahr und Begierde wurde von Beginn an wegen seiner expliziten Sexszenen kontrovers diskutiert. Zuschauer bewerten den Film meist entweder mit einem oder mit fünf Sternen, die mittleren Ratings sind in der Minderzahl. Viele können den Film nicht einordnen. Er läuft unter dem Genre Spionagethriller (aber dafür ist er nicht spannend genug), Liebesfilm (aber dafür wirken die Beteiligten viel zu distanziert) oder gar Pornografie (aber dafür nimmt der Sex im Film zu wenig Raum ein). Was also ist er wirklich?

„Um diese Geschichte zu erzählen, mussten wir Körper verbiegen“

Ang Lee hat sich gegen den Pornografie-Vorwurf verwahrt, für ihn haben die ausufernden Liebesszenen eine ganz bestimmte Funktion. „Wir Asiaten sind nicht demonstrativ, sondern sehr scheu und zurückhaltend. Da wir nicht gern über unser Intimleben reden, blieb uns nur die Körpersprache“, äußerte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und an anderer Stelle: „Um diese Geschichte zu erzählen, mussten wir Körper verbiegen.“ Verbogen werden die Körper in der Tat, die Szenen sind ungeheuer ästhetisch gefilmt, wirken in ihrer Abfolge fantasievoller Stellungen fast wie eine Choreografie. Um in dieser „Körpersprache“ einen Ersatz für die Sprachlosigkeit der Figuren zu finden, muss man allerdings ganz genau hinschauen, dann tritt eine Entwicklung in der Beziehung der beiden zutage.

Die Affäre beginnt mit einer Vergewaltigung: Herr Yi durchkreuzt das Verführungsspiel seiner Partnerin und will die Oberhand behalten. Aber schon bei der nächsten Begegnung spielt Wang Jiazhi die Geliebte so überzeugend, dass ihre wirklichen Gefühle für den Zuschauer im Dunkeln bleiben. Sie erstattet brav ihrem Führungskader Bericht, lässt aber auch hier ihre schleichende Verstrickung in die Affäre anklingen: Herr Yi winde sich wie eine Schlange in ihr Herz, sie müsse sich selbst öffnen, erst dann sei er zufrieden.

Gegen Ende des Films tritt der Sex wieder in den Hintergrund, die Figuren sprechen miteinander, allerdings nur über Vordergründiges. Ihre eigentliche Kommunikation findet auf der symbolischen Ebene eines Liedtextes und eines kostbaren Geschenkes statt. Wang Jiazhis innerste Gefühle werden – auch ihr selbst – erst in ihrer letzten Entscheidung klar, in der sie das Leben ihres Geliebten über ihr eigenes und das ihrer Freunde stellt.

Liebe und Tod: Für diese Verbindung steht auch eine andere Szene des Films, in der die Widerstandsgruppe von einem Gegenspieler überrascht und enttarnt wird. In ihrer Hilflosigkeit versuchen sie ihn zu erstechen, was erst nach mehreren Anläufen gelingt. Dieser Mord wird mindestens ebenso ausführlich und detailreich gezeigt wie der Sex, hat bei Zuschauern wie Kritikern aber viel weniger Aufsehen erregt.

Der Mensch in Extremsituationen

Ang Lees Bildersprache scheint für westliche Zuschauer nicht unmittelbar verständlich. Wir sind zu sehr an Sex und Gewalt gewöhnt, um darin noch eine über sich selbst hinausweisende Botschaft erkennen zu können. Allzu oft dienen Sex- und Gewaltszenen im Kino nur dazu, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Außer einem fragwürdigen Unterhaltungswert haben sie häufig kaum eine Funktion. In Gefahr und Begierde dagegen erzählen sie eine Geschichte, für die den Protagonisten die Worte fehlen. Die Intensivierung und Veränderung der sexuellen Beziehung zwischen Wang Jiazhi und Herrn Yi verläuft parallel zur Veränderung ihrer Gefühle füreinander. Die Beziehung entwickelt sich sozusagen unter Laborbedingungen, denn es handelt sich ja nicht um ein sich spontan ergebendes Liebesverhältnis. Der Film versucht die Tiefen der menschlichen Seele auszuloten und kommt zu dem Ergebnis, dass der Schauspielerei Grenzen gesetzt sind. Sexualität lässt sich nicht so einfach instrumentalisieren, sondern verändert den Menschen. Sie lässt innere Barrieren bröckeln und führt zu einem humaneren Miteinander.

So weit der Film. Ob dessen Aussage auch die Wirklichkeit widerspiegelt, mag jeder für sich selbst entscheiden. Eine ausgesprochen romantische Vorstellung aber ist das schon: dass Sex und Liebe sich nicht voneinander trennen lassen, sondern Hand in Hand miteinander gehen. Beim Übertragen solcher Kinoromantik auf die Alltagsrealität aber ist Vorsicht angebracht. Da droht Gefahr.

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Geier über KölnAus der linksrheinischen Provinz hat es mich kurzfristig in die Großstadt verschlagen. Da es über Köln aber nichts zu sagen gibt, was nicht schon irgendwo im Internet zu finden ist, belasse ich es bei dem Hinweis auf ein paar eher untypische Fotos. Das Vorschaubild zeigt übrigens den Solarvogel des Kölner Künstlers Odo Rumpf. Ursprünglich konnte er wohl durch einen Antrieb aus Sonnenenergie mit den Flügeln schlagen, erlitt dann aber einen Transportschaden. Ich Banausin habe das Kunstwerk doch glatt für einen Geier gehalten und dabei an leere Haushaltskassen gedacht …

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Landstuhl im NebelHeute hab ich nichts zu sagen, aber dafür ein paar vernebelte Fotos von der letzten längeren Wanderung in diesem Herbst auf Google+.

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